Vater streitet

Mein Vater hatte gestern Streit. Und wenn mein Vater Streit hat, Liebes, dann fliegen die Fetzen.

Wir wohnen etwas erhöht, am Hang. Die Auffahrt, unten an der Hauptstraße beginnt mit einer starken Linkskurve. An dieser Kurve steht ein altes Haus, welches dem Edi gehört. Das Haus hieß früher "Zum Schützen" und war eine Kneipe, in der mein Vater sich früher den Rausch geholt hatte. Es ist ungefähr vierundzwanzig Mal so alt wie der türkische Edi. Edi ist ein super Typ. Er kauft bei uns einmal im Jahr ein Schaf zum Schlachten. Wenn er kam, mussten wir früher unserer Schwester ins Zimmer einsperren. Sie gab jedem Schaf einen Namen und wenn eines fehlte, bekam sie Anfälle. Einmal musste Edi ein Schaf in unserem Stall schlachten, weil er es eilig hatte. Der ganze Raum war danach mit Blutspritzern versaut und stank fürchterlich. Als meine Schwester später in den Stall ging, kam sie kurze Zeit später zurück, ganz bleich und fragte vorsichtig, mit einer leisen Vorahnung: "Wo ist der Hansi?" Meine Fresse, ich verließ fluchtartig den Raum. Das wollte ich nicht mit anhören. Es war fast so schlimm wie damals, als meine Schwester eines Tages im Garten stand, in jeder Hand einen abgetrennten Kaninchenkopf. "Wo ist der Rest?" fragte sie ungläubig mit heiserer Stimme. Der Marder war in der Nacht gekommen und hatte ein grausiges Schlachtfeld hinterlassen. In der nachfolgenden Nacht hatte mein Vater auf Drängen meiner Schwester eine riesen Falle aufgestellt. Ich glaube, die war sogar illegal. Die hätte ein Kind umgebracht. Das Lockmittel war ein Ei. Mitten in der Nacht wachte ich durch ein Geräusch auf. Klang wie ein Schuss. Ich musste nicht lange warten, schon hörte ich ein Gejaule. Die Falle hat wohl nicht ganz schön getroffen. Das Geheule ging drei Stunden lang. Mein Vater, der normalerweise wegen jedem Geräusch um das Haus schleicht, blieb trotzdem liegen.
Am nächsten Morgen zeigte uns Vater mit voller Stolz den halb zerquetschten Marder. Die Augen meiner Schwester funkelten zufrieden.

Zurück zu Edi. Er hat das Haus an eine Familie vermietet. Eine türkische Familie. Mittlerweile sind daraus vier Familien geworden. Vielleicht mehr, ich weiß es nicht. Ich glaube sogar, Edi weiß es auch nicht so genau.
Mein Vater regt sich öfters über die Parkerei der Familien auf. Wenn er um die Ecke fährt, kollidiert er fast immer mit einem, mitten auf der Straße parkendes Auto. Gestern hatte er einen Falschparker erwischt.

Ich kam gerade von der Arbeit und bog in die Einfahrt ein. Das Auto von meinem Vater stand neben zwei anderen, die Bremslichter leuchteten, die Beifahrerscheibe war unten. "Es ist ja wohl nicht zu schwierig, das Auto hier unten auf dem Parkplatz abzustellen!"
Der Famillienvater motzte zurück. "Was ist? Was ist?" gestikulierte er wild. Mein Vater fluchte ein bisschen laut, ging von der Bremse und fuhr langsam an. "Du Arschloch, was ist!" schrie der Schnurrbartmann inzwischen ein wenig zorniger und ging auf Vater´s Auto zu. Dieser stieg auf die Bremse und ließ den Wagen langsam zurückrollen. Die Beifahrerscheibe fuhr wieder nach unten. Vater erhob den Zeigefinger und zitierte mit ruhiger Stimme: "Schön Sprechen!" Das Fenster ging hoch und er brauste den Berg hinauf. Der Schnurrige warf ein paar Fäkalworte in die kalte Luft und stieg wieder in sein Auto.

"An deiner Stelle würde ich aufpassen. Die zünden dir noch die Hütte an!" meinte ich, als ich später meinem Vater begegnete. "Die zünden mir die Hütte sicher nicht an. Ich sag dem Edi nur ein Wort und die fliegen raus!" murrte er aufgebracht. "Die zünden mir gar nichts an!"

Mein Vater. Die Gerechtigkeit in Person.


Solverat | 5. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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