Fernsehprogramm

Gestern hab ich seit längerem wieder einmal den Fernseher eingeschaltet. In letzter Zeit fand ich wenig Zeit dafür, da ich mich stark meinem Musikprojekt widme. Was auch so ein Thema ist.

Eigentlich war das Projekt zu zweit geplant, mit einem alten Bekannten, der bis vor kurzem in Salzburg lebte und vor ein paar Monaten nach Vorarlberg zurückkam. Früher waren wir dicke Freunde, hatten viel miteinander zu tun, in uns pochte ein verbundenes Musikerherz.
Unsere Wege trennten uns dann vor ein paar Jahren, sein Freundeskreis war mir zu dämlich, manchmal zu gefährlich und auch sein Charakter bekam immer mehr einen ekelhaften Beigeschmack von Falschheit und einer ausgeprägten Hintergangenheit. Er nahm alles für bare Münze und hatte Kommunikationsprobleme in Sachen Anerkennung.

Wie gesagt, die Welt teilte sich und wir gingen unser eigenes Leben. Als er nach Salzburg zog, erlebte er dort eine grausame Zeit, wie er sagte. Stress mit dem Alten, diskriminierende Arbeitsverhältnisse und tristes Dasein prägten seinen Alltag. Manchmal wechselte ich mit ihm ein paar Zeilen im Messenger, er schrieb manchmal von der Sehnsucht nach Vorarlberg von der Sehnsucht nach uns, manchmal erzählte er von seinen Freuden in Salzburg. Er begann dort eine Ausbildung als Mediendesigner und wurde zwei Jahre später rausgeschmissen. Was eigentlich nicht möglich war, wurde durch einen Vertrag, den er selber unterschrieben hatte, möglich. Er musste unterschreiben, sagte er, da er sonst keine andere Arbeitsstelle fand. Kurz darauf wurde er ins Militär eingezogen. In diesen Monaten knüpften wir wieder ein wenig Kontakt zueinander. Manchmal kam er nach Vorarlberg und wir zogen zusammen um die Häuser. Öfters erzählte er mir, das er selbst gemerkt habe, dass er mit seinem Charakter nicht weit kommen würde. Das er in den depressiv behangenen Momenten oft darüber nachdachte und er wusste, das er sich ändern musste. Und ich hatte auch tatsächlich den Anschein, dass er sich geändert hatte. Seine niemals funktionierende Pünktlichkeit tickte plötzlich genau wie eine Atomuhr, seine Versprechen hielt er bis ins kleinste Detail. Oft erzählte er mir auch, wie dumm er gewesen war als er damals mit diesen drogensüchtigen Arbeitslosen seine Freizeit verbrachte. Nie wieder wollte er mit ihnen was zu tun haben. "Scheiß HipHopper" lachte er dauernd, wenn er sich alte Videos mit, von stark linguistischen Problemen gezeichneten Jointraucher reinzog.

Im Sommer 2006 baute ich dann mein eigenes, kleines Musikstudio, investierte sehr viel Geld und Arbeit. Und als er dann im Herbst auch öfters vorbeikam, bastelten wir unsere ersten Tracks. Seit vielen Jahren wieder in alter Manier. Dann entschloss er einen großen Schritt. Sein Vater hätte ihm in Salzburg eine Stelle zugesichert, jedoch interessierte ihn diese wenig, er wollte einen Beruf im Bereich Studio und Tontechnik erlernen, das war sein Traum. Das wäre zwar kein leichter Weg, schließlich benötigt er dafür einen Abschluss bei der SAE. Und dieser kostet schlappe 12.000.- Euro. Aber er hatte alles geplant. Eine Wohnung wäre gleich gefunden, arbeiten würde er in einer Fabrik. Sogar Schicht, damit mehr Geld zusammenkommt. Und das alles in einem Jahr. Durch die Vorfreude getrieben kam er dann ein paar Wochen später nach Vorarlberg zurück.

Er zog vorerst bei seiner Mutter, in eine 1-Zimmer Wohnung ein. Seine Gerätschaften schleppten wir zu mir ins Studio. Dann begannen ein paar wirklich gute Tage. Ein paar Wochen sogar. Wir saßen Tage und Nächtelang in diesem Raum, bastelten und werkelten.

Und dann war er weg. Innerhalb von ein paar Tagen wurde aus der 180° gedrehten, verlässlichen Charakterperson wieder dasselbe Arschloch von früher. Als sein sicher geglaubter Arbeitgeber dann doch keine Stelle für ihn hatte und die Wohnungssuche sich als unbezahlbares Mietproblem entpuppte, lösten sich seine Vorsätze in Luft auf. Er saß wieder bei seinen alten Kollegen, über die er monatelang spottete und erfand Geschichten, bei denen Baron Münchhausen vor Scham rot angelaufen wäre.

Und was lerne ich daraus? Wenn jemand einen Charakterzug angenommen hat, schafft man es kaum, diesen zu ändern. Und wenn er in eine fordernde Situationen kommt, verdreht er sein äußeres Bild, sprüht neues Lockmittel, wirft die Angel neu aus. Doch tief im Inneren wird er sich nie ändern. Denn er bestätigt sich dadurch selbst. Er merkt nicht, dass er ein armseliger Geselle ist, der ewig auf dem seidenen Faden tanzt. Schließlich findet er so immer wieder ein neues Nest. Bis er eines Tages tief fällt und ihn niemand fängt. Denn wirkliche Freunde hat er schon lange keine mehr.

Für mich ist erstmal Schluss. Gestern ließ ich ihn seine letzten Utensilien holen, heute noch ein letztes, ordentliches Gespräch. Soweit dies mit dieser geblendeten Arroganz möglich ist. Ich lese ihm wahrscheinlich diesen Beitrag vor und erklär ich ihm seine Rechte. Wirklich Schade um den Kerl, aber genug ist genug. Schließlich bin ich ihm oft entgegen gekommen, habe über das Geld, dass er mir schuldete, hinweggesehen, glaubte lange genug an den guten Kern. Soll er sich zum Teufel scheren.

So, Fernsehn! Hat das jemand gesehen? Die Frau aus London, die immer einschläft? Wahnsinn. Und in Tokio hat jede Wohnung eine 100 Mbit Leitung! Auch Wahnsinn. Fernsehn ist einfach toll.


Solverat | 9. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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