Herr Semsetin und der Inder

Ein braungebrannter, hochgewachsener Mann im mittleren Alter kam in mein Büro. Er hatte ein aufgewecktes, freundliches Gesicht.
Ich gab ihm die Hand, wir grüßten uns. Er hatte eine Visitenkarte in der Hand. "Isch brauche diese Visitenkarte nachbauen!" sagte er mit einem starken, indischen Akzent. "Diese gehört meinem Bruder, Jounes! Ichah heisseh Younes, du ändern, Meischter!" Ich grinste, mir war der Typ auf Anhieb sympathisch. Also bastelte ich am Computer schnell die Visitenkarte nach, nichts aufwendiges, blau mit ein wenig Text. "Möchten sie ihr Auto verkaufen? Jetzt oder später? Dann rufen sie mich bitte an. Ich zahle immer einen guten Preis. Ich bin immer erreichbar unter der Nummer:" Dann folgten zwei halbschwindlige Mobilnummern. Wer hier anrufen würde, hat verloren, dacht ich mir heimlich.
"Ichah komme aus Deutschland und macha hier Gewerbe jetzt!" klärte mich Younes auf, während ich den Text abtippte.

"Gut Meischter!" lachte der Inder. "Kannstah du hier schreiben: Auch Motorschäden, Unfallautos, hohe KM!" Ich quetschte es in die letzte Zeile. Die Visitenkarte sah grässlich aus. Aber bitte, Kunde ist König. Ich wollte noch ein kleines Auto einbauen, um die Optik ein bisschen aufzupeppen. "Nein, nixah, keine Auto!" fuchtelte Younes.

Ich hatte dann ein wenig Angst, ob er das ganze auch zahlen würde. Und diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. "Wasa kostenah 100 Stück?" fragte er im Stehen. "Sechzig Euro circa!" antwortete ich. Younes schaute argwöhnisch. Dachte ich mir, hätte ich zwanzig gesagt, wär es ihm wahrscheinlich auch noch zu teuer gewesen.
Diese Situation rette dann aber Herr Semsetin.

Denn der Herr Semsetin kommt, sobald er gebrochenes Deutsch hört, sofort angelaufen. Es könnte sich ja um einen Landsmann handeln, oder man braucht ihn vielleicht als Dolmetscher. Herr S. ist in solchen Sachen sehr hilfsbereit. Einmal ließ ein Kunde Proofs für ein türkisches Kinderbuch machen. Alls Herr S. aus Neugier ein Blick drauf warf, fand er auch gleich einen Rechtschreibfehler. Der Kunde war ihm sehr dankbar dafür und seitdem fungiert Herr S. unter anderem auch als unser hauseigener Dolmetscher.

Herr Semsetin kam langsam in mein Büro. Er streckte den Hals ein wenig, um das Gesicht von Younes zu erkennen. Als er sah, dass es sich nicht um einen türkischen Landsmann handelt und er nicht helfen konnte, wollte er schon wieder abziehen. Dann hörte er aber, wie ich Younes sagte, dass 100 Visitenkarten 60 Euro kosten würden. Sofort griff er ein. "Warum bestellst du net 1000 Stuck? Kostet nur 90 Euro!" klopfte er rau. Herr S. haltet nichts von Begrüßung. Wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es. Auch wenn der Gegenüber noch gar keine Notiz von ihm genommen hat. Younes war sichtlich verwirrt. Was macht jetzt der hier, fragte er sich wohl. "Was? Waruma nur 90?" "Weil die Einrichtungsgebühr immer gleich hoch ist. Der Druck ist nicht der große Aufwand, meine Arbeit hier muss aber auch bezahlt werden!" erklärte ich ihm. "Icha verstehe net!" antwortete Younes noch verwirrter. Herr Semsetin fuchtelte. "Sind nur paar Bogen. Aber muss machen am PC immer gleich viel Arbeit!" erklärte er auf seine Weise, während ich mir langsam wie auf einem türkischem Basar vorkam. Younes verstand immer noch nicht, doch das war ihm egal. 100 Stück kosten gleichviel wie 500, warum auch immer, Hauptsache billig. Und so nahm er das Angebot an.

Als er weg war, sagte ich zu Herr P.: "Ha, wenn ich mal meine Karre loswerden will, ruf ich den einfach an. Ich hab ihm so ein guten Preis gemacht, der wird mir bestimmt entgegen kommen!" Herr P. lachte. "Kannst du dir vorstellen… Der Typ wird dich auf der Strasse nicht mehr erkennen wollen. Und wenn, dann zieht er dich über den Tisch, ohne das du es merkst. Glaub´s mir!"


Solverat | 10. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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