Haggis

War das ein Wochenende!

Freitag blieb ich zuhause. Seit langem wieder einmal. Zum einen wollte ich mal ordentlich gesund ausschlafen und zum anderen hatte ich noch einiges am neuen Septicum Track zu feilen. Der übrigens dieses Wochenende seine Premiere feiert.

Den darauffolgenden Samstag verbrachte ich im Studio.
Am Abend wurde wieder zu einer Whiskeyverköstigung geladen. Das sind die monatlichen Highlights, auf die ich mich immer wieder freue. Meist bekomme ich ein, zwei Tage vorher ein SMS von Herr M. Wie bei der Mafia, denk ich mir dann. Er bekommt die Infos und leitet sie an die engsten Vertrauten weiter. Ein paar Stunden vor dem Event ruft er dann an und gibt die genauen Koordinaten durch. Wo und Wann.

Ich bin nicht ein großer Whiskeyfan. Ich geh eigentlich auch nicht wegen dem Whiskey zu dieser Hausparty. Ich mach es, weil alles zu einer sehr, sehr einzigartigen und doch lustigen Theatralik tendiert. Und weil es eben so einzigartig ist, möchte ich diese willkommene Abwechslung in meinem, sonst so tristen Bierkneipen-Dasein nicht mehr missen.
Trotzdem sorg ich immer ein wenig vor. Da ich weiß, dass schottische Traditionsliebhaber kein Bier im Kühlschrank haben, höchstens Guinness, welches ich absolut nicht trinken kann, stopf ich mir vorher noch ein paar Bierdosen in die Jacke. Zusätzlich klemm ich noch eine Flasche Wein unter den Arm, mit dem ich dann den beleidigten Gastgeber tröste. Dieser schaut nämlich jedes Mal sehr erzürnt auf mein lächerlichen, mit Dosenbier gefüllten Plastiksack. Mittlerweile wird das akzeptiert, obwohl ich für ihn für immer ein Kulturbanause bleiben werde. So ich trinke mein erstes Bier, während Herr M. den ersten Whiskey auf Eis genießt.

Diesen Samstag gab es eine schottische Spezialität zu essen. Haggis. Was Haggis ist? Ein Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird. Du meine Fresse, ich hab davon natürlich nichts gewusst. Bis dato kannte ich das Wort Haggis nicht einmal. Thomas klärte uns auf. "Halb so schlimm. Ich habe alles sehr gut püriert und als Beilagenbrühe habe ich eine ganze Flasche Whiskey reingeleert. 0,7 Liter." "Was?" schluckte ich. "Eine ganze Flasche?" "Aber natürlich! Muss! Muss!" antwortete er.

Thomas kam mit einem dampfenden Blech an den Tisch. Der Magen war ordnungsgemäß aufgeschnitten, an den Inhalt durfte man nicht denken, einfach nur essen. Wie er versprochen hatte, schwamm der Magen in einem Liter, gekochtem Whiskey, von Kartoffeln und Karottenscheiben umgeben. Ich packte viele Kartoffeln auf meinen Teller. Sehr viele Kartoffeln. "Also mein Ding ist es nicht wirklich, aber für das was es ist, schmeckt es gut." blümelte Herr M. Ich lachte. Phil füllte ein Glas mit Whiskey und spülte wortlos.

Auf dem Tisch stand unter anderem eine Pfeffermühle, welche ein wahres Wunderwerk der Technik war. Wenn man oben auf den Knopf drückte, ging unten ein Licht an und das Mühlwerk spuckte zermahlten Pfeffer in den Teller. Ich drückte sehr, sehr lange auf den Knopf, lies die Mühle oft über meinen Teller kreisen. Ich habe später im Internet ein wenig recherchiert. Haggis wird so zubereitet wie es Thomas auch servierte. Nur von Whiskey ist niemals die Rede. Das war eine Eigenkreation von Thomas. Ich hätte es mir denken können.

Nach kurzem Sitzen gab es die Nachspeise. Kuchen, getunkt in Whiskey und Kaffee, auch gefüllt mit Whiskey. Mir war ein wenig schlecht. Auf Bier hatte ich gar keine Lust mehr. Wenn man Bier zu Haggis, zu Kuchen und Kaffee trinkt, dann ist das schon unterste Schublade. Mittlerweile war mir das auch egal. Ich spürte sowieso nichts mehr. Mein Mund, meine Speiseröhre, mein Magen, mein gesamter Verdauungstrakt war gefüllt mit diesem gottverfluchten Whiskey. Thomas schielte schon ein wenig, seine Suppenbrühe stieg ihm wohl ein wenig zu Kopf.

Kurz vor zwölf krachte wieder Tschaikowsky´s Ouvertüre 1812 aus dem Wohnzimmer, wir standen schwankend um den Tisch herum und hoben die Gläser. Kurz davor kam die Freundin von Phil vorbei, sie wusste nicht recht, was sagen. Hab ich auch nicht gewusst, als ich zum ersten Mal die Wohnung betrat. Sie musste aber zusätzlich noch 4 Typen ertragen, die literweise Whiskey intus hatten.

Man ging noch ein Sprung in die Stadt, schließlich reicht der Volldampf des Whiskeys nicht. Nein, man musste unbedingt noch ein Lokal aufsuchen. Ein versnobter Möchtegernladen machte das Rennen. Dieses Lokal ist berühmt für sein geschlechtliches Gleichgewicht. Gleichviel Mädchen wie Burschen. Und umgekehrt. Pff. Wir waren zu fünft, eine Person davon weiblich. Schlechte Karten also. Doch der Türsteher ließ uns rein. Er hatte wohl gemerkt, dass mit uns nicht zu Spaßen war. Schließlich verdrückten wir ein paar Stunden vorher Herz, Leber und Lunge. So jemanden weist man nicht ab, so jemand isst auch Türsteher. Vielleicht roch er aber auch nur den Whiskey.

Herr M. bestellte zwei Mai Tai. Das war quasi der rote Knopf in flüssiger Form. Der Hirn-abschalt-Knopf. An das danach kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Thomas und ich machten noch einen Abstecher in eine Diskothek, während die anderen "abliegen" gingen. Wir saßen komplett besoffen an der Bar und tranken mit größter Mühe ein letztes Bier. Ein Fotograf kam vorbei um ein Foto von uns zu machen. Es war wenig los, er hatte nicht gerade viel Kundschaft. Das erste Foto war so schlimm, dass wir den Fotografen zwangen, es an Ort und Stelle zu löschen. Ich glaube, ich hab mich noch nie so entstellt gesehen. Thomas auch nicht. "Lacht ein wenig!" munterte der Fotograf uns auf. Der hatte leicht reden, wenn der wüsste was ich gegessen hatte und was womöglich noch zwischen meinen Zähnen klebte, hätte er bestimmt das Gesundheitsamt gerufen und wäre geflüchtet. Das dritte Bild war dann mehr oder weniger akzeptabel. Auf der Website, dessen Adresse auf der Visitenkarte stand, tauchte das Bild aber niemals auf. Ich möchte es auch niemals sehen.
Der nächste Tag war ein Leidensweg. Ich war dermaßen kaputt, mir wurde beim Fernsehn schwindlig. Mir wurde beim gehen schwindlig. Mir wurde beim Essen schlecht und ich hatte stets ein verschwommenen Blick. Nein, mit Whiskeyverköstigung hatte das nichts mehr zu tun. Anonyme Alkoholiker beim Kannibalentreff klingt definitiv passender.


Solverat | 15. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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