Klunker zu Gast

Gestern kam ich ins Büro und wurde von einer riesen Parfumwolke wieder hinausbefördert. Umhüllt von pinken Schwaden saß Herr P. auf seinem Stuhl und unterhielt sich mit zwei Fellen. Beim genaueren Hinsehen entpuppten sich die zwei Felle als zwei Damen. Eine jung und eine etwas älter. Mutter und Tochter.

Die Tochter war ultrahübsch, zumindest glaub ich das. Bei solchen Frauen ist es immer schwer, das Schönheitsgrad unter der Kosmetikmaske zu erraten. Die Mutter war hingegen TV-reif. Also sowas sieht man echt nur im Fernsehn. Hunderttausend Fetzen, von denen wahrscheinlich jeder einzelne von Inderkinder gestickt wurde, ein riesen Pelzmantel, für den mindestens zwanzig Tiere ihren Hut abgeben mussten und tonnenweise Schminke. Soviel Schminke auf einem Fleck hab ich noch nie gesehen. Ihre Stimmlage pendelte zwischen scheibenzerspringen und Grunzen. Wenn sie lachte, wackelte das Fell und es machte den Anschein, als würden die Viecher noch leben. "Huuhuhuuuuuhuhu" lachte sie immer und hielt die rechte Hand an ihren riesen Bauch. Dabei klirrte auch der ganze Klunker. Man musste schon ein ordentliches Eigengewicht auf die Waage bringen, damit man das ganze Zeugs ohne Bruch rumtragen konnte.
Herr P. hatte große Mühe, alles professionell abzuwickeln ohne zu lachen. Ich stierte indessen in meinen Bildschirm und unterdrückte einen Lachanfall nach dem anderen.

Die Daten waren schlecht vorbereitet. "Das könnte ein wenig länger dauern, ich hol einen Sessel!" sagte Herr P. Als die Tochter im Sessel platz nahm, kam sich die reiche Mama etwas verloren vor. Sie stand zwischen mir, Herr P. und ihrer Tochter. Sie grinste unsicher in die Runde. Das machte mir ein wenig Angst. Ihr Mund zog sich dann quer über das ganze Gesicht, der rote Lippenstift dehnte sich wie eine Nacktschnecke. Die Falten ihrer Augenlider stapelten sich dreifach, sie sah aus, als würde sie mich gleich essen wollen. Ich schauderte und grinste zurück. "Sie könnten ja shoppen gehen!" meinte Herr P. beiläufig, als er merkte, dass sich Frau Mama ein wenig langweilte. "Ach, neeee, ich bin nicht so der Shoppingtyp! Huhuuhuuuhhuhuhuhu." antwortete sie laut. Ich hätte um ein Haar losgeprustet. Also das glaubt ja nicht mal deine Tochter. Wenn du kein Shoppingtyp bist, wer in Gottes Namen dann? dachte ich mir ungeniert. Mein Kopf musste hochrot angelaufen sein, ich bewunderte Herr P. seine Ruhe.

Mama zog den Pelz ab und stöhnte ein wenig vor sich hin. "Hast du die Adresse im Auto noch gespeichert, damit ich wieder herfinde?" frohlockte sie, überheblich, uns den GPS Vorteil unter die Nase reibend. Ihre Tochter nickte. "Na, dann. Lass ich euch mal allein. Tschüüühüüs!" Die Fensterscheibe wackelte und drohte zu zerspringen. Ein letztes Winken und Klimpern und sie verschwand, die  Perfumwolke hinter ihr, wie die Mäuse hinter dem Rattenfänger von Hameln.

Die Raumluft normalisierte sich wieder und der Druck in meinen Ohren ließ nach.


Solverat | 16. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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