das Klavier

Das hat schon was. Freitagabend zu Hause verbringen, Samstag doppelt wild auf Achse. Herr M. täuschte eine Erkältung vor, zudem er auch ein Versuchprojekt am Laufen hat und wollte deswegen das Haus nicht verlassen.

Später ging´s dann aber doch noch in die Bierbar. Es war nicht viel los an diesem Abend. Eher gediegen genossen wir Bier aus Krügen und erzählten uns wichtige Alltags- Web und Freizeitgeschichten. Der laufende Roboter, der nicht umfällt, wenn man in schubst war meine Lieblingsgeschichte. Mence erzählte von seiner Freitag Tour. Er war mit einem Kollegen für einen Abend nach Innsbruck gefahren. Bei einer Bekannten haben sie dann Schnaps gesoffen bis er umflog und einschlief. Und am nächsten Morgen wusste er auch nicht mehr, als diese zwei Sätze. Dass sie noch die Stadt Innsbruck unsicher machten war ihm dunkel, daran konnte er sich nur dank der Erzählungen seines Kollegen wieder erinnern.

Während er erzählte, betonte er immer wieder, dass er sich eigentlich noch gar nicht wohl fühlte, und doch lieber zuhause geblieben wäre. Flo schmiss ein paar Runden Hochprozentiges, sodass König Alkohol schon sehr bald zu Kopf stieg und Mence sein Unwohlsein auch bald vergaß.

Es waren ziemlich viele Bekanntschaften im Lokal, es gab viel zu quatschen. Sogar Gandi saß an der Bar. Gandi arbeitete einmal bei der Telekom. Soviel ich weiß, als Techniker bzw. als Kabelfuzi. Manchmal verschlief Gandi und kam dadurch zu spät in die Firma. Damit man ihm aber nicht auf die Schliche kam, nahm er dann ein paar Dokumente, stellte die interne Uhr des Faxgerätes um eine Stunde zurück und versendete wahllos Zettel an umliegende Adressen. Obwohl Gandi weder a.) in diesem Abteil arbeitete noch b.) bedachte, dass das Faxgerät an der Gegenstelle die richtige Uhrzeit eingestellt hatte.
Gandi ist momentan Arbeitslos.

Flo war inzwischen arg besoffen. Wir saßen an der Bar und redeten über Musik. Solange bis unsere Sätze keinen Sinn mehr machten, wir das Sprechen ließen und uns lieber stillschweigend dem Bier widmeten. Ich sah mich ein wenig um, schielte rüber zu den Mädels, ganz kurz.

Mike hinter der Bar schrie die Sperrstunde aus und wir mussten das Lokal wechseln. Weil es in Bregenz momentan nicht viel Alternativen gibt, gingen wir in das Irish Pub, welches wegen der ungemütlichen Atmosphäre nicht gerade zu meinen Lieblingslokalen gehört. Aber der Gruppenzwang ließ mir keine andere Wahl. Vor dem Lokal steht ein altes Klavier, total verstimmt, ein paar wenige Tasten sind nicht mehr funktionstüchtig und es spielt sich auch sehr schwer. Es ist aber ein Muss, vor dem Betreten eine Melodie zu klimpern, der einzige Höhepunkt in dieser Spelunke, dieser Destille.
Nach einem Bier hatte ich von diesen aufmüpfigen Bartypen schon wieder die Nase voll. Flo und ich gingen wieder in den Vorraum zum Klavier. „G, E, D“ sagte er mit schwerer Zunge. „Ich singe!“ Also klopfte ich in die Tasten und Flo kreischte dazu. Das war vielleicht ein Duett. Ich glaube, es hat sich gar nicht mal so schlecht angehört, aber der Alkohol irritiert bekanntlich nicht nur den Sehsinn, somit kann ich das nicht hundertprozentig behaupten. Wir bastelten sicher eine Stunde an diesen drei Akkorden, ungeniert und ehrlich.

Als wir aufbrechen wollten, fand ich meine Jacke nicht mehr. Diese Piraten, dachte ich mir. Das passt gerade. Klauen alles, was nicht angekettet ist. Und so ging ich ohne Jacke. Schimpfend und schnorrend. 150 Euro im Arsch. Die Penner.

Bei Ali bestellten wir uns noch eine Pizza. Pizza Speziale. Ich wusste, trotz meines Zustandes, dass dies das ungesündeste ist, was man überhaupt machen kann, dass mein Magen mir es niemals verzeihen würde und dass ich am nächsten Tag einen verbrannten Gaumen haben werde. Am nächsten Tag erzählte mir Mence, ich sei dann einfach verschwunden. Ohne Tschüss und Amen hab ich mich davongestohlen. Sie aßen ihre Pizza in der Annahme, ich wäre auf dem WC eingeschlafen. Bin ich aber nicht. Ich stand ohne Jacke auf dem Stadtplatz und rief mir ein Taxi. Als dieses nach zehn Minuten nicht kam, rief ich nochmals an und veranstaltete ein Theater. Ich würde schon eine halbe Stunde warten, wo das Taxi denn bliebe, lallte ich ins Telefon. Die Zentrale lachte mir ins Ohr „Kommt sofort, Stefan!“

Scheiße, dachte ich mir, jetzt kennen die Typen auch schon meinen Namen. Als das Taxi anfuhr, fragte ich den Fahrer, woher die Zentrale meinen Namen kennt. „Wir fahren dich jedes Wochenende nach Hause!“ erwiderte dieser, während er den Blinker betätigte und das Taxameter anwarf. „Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“ fragte ich ihn, während ich die Nummer des Taxiunternehmens aus meinem Handy löschte. Die wissen einfach schon zuviel.

Die Jacke wurde nicht geklaut. Sie lag auf dem Boden und wurde deswegen von meinen müden Augen übersehen. Ich entschuldigte mich innerlich für die wüsten Flucheskapaden über das Lokal. Ein Kollege wohnt direkt darüber und brachte mir die Jacke dann auch heute Abend.

Wenn man am Abend mit dem Auto fährt und die Hänge betrachtet, erkennt man ganz gut die Straßenlaternen, welche ein unwirkliches Licht auf den Schnee werfen. Weiße, runde Kreise. Sieht unecht aus, wie eine Modellbau-Landschaft.


Solverat | 28. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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