Kroatien 2005 (1)

neu - von Rechtschreibfehler befreit!

Vielleicht lag es an den Bildern, vielleicht auch an einem Song. Plötzlich dachte ich kurz an diesen einen Urlaub zurück. Kroatien 2005.

Herr M., ich und ein weiterer Kollege wollten mit dem Auto nach Kroatien ans Meer. Dort lebt Herr M. sein Vater. Er sah in zum letzten Mal, da war er ein kleiner Junge, ist also schon eine Weile her. Und da ich auch seit Jahren nicht mehr das Land verlassen hatte, war das eine hervorragende Idee. Außderdem mussten wir im darauffolgenden Herbst den Dienst beim Bundesheer antreten, da war dieser Urlaub ein richtiges Lufthol-Abenteuer. Der Kollege, der eigentlich fahren sollte, sprang dann plötzlich ab, aus banalen Gründen, was schwer ärgerlich war, uns jedoch nicht daran hinderte, die Aktion durchzuziehen.

Und so standen wir dann mitten im Sommer, spätabends, nach einer 25-stündigen Zugfahrt am Bahnhof von Split. Der befand sich gleich neben dem Hafen und es umwehte uns die laue Meeresluft. Was für ein Willkommen. Mehrere Menschen rannten um unser Gepäck und riefen dauernd: "Du yu wont rum? Du yu wont rum?" Sie zupften dabei an unseren Ärmeln und wollten uns mitzerren. Sie winkten mit den Armen und riefen immer wieder: "Do yu wont rum?" Ich brauchte eine ganze Weile, um zu realisieren, dass sie nicht "Rum" meinten, sondern "Room". Sie vermieteten Zimmer. Herr M. hielt derweil nach seinem Vater Ausschau.
Als die schreienden Menschen weiter zogen, wurde die Straße übersichtlicher. Ein paar Mädels standen an die Wand gelehnt, Männer in Hawaiihemden und Sonnenbrille standen lässig unter Bäumen. Nutten, dachte ich. Nutten und Zuhälter. Ich grinste Herr M. zu. "Da! Da vorne, der Kasten mit dem Handy. Der organisiert doch fix seine Weiber hier am Bahnhof!" Herr M. winkte dem Zuhälter. Der Zuhälter winkte zurück. Scheiße, dachte ich. Der Zuhälter war kein Zuhälter, es handelte sich um Herrn M. seinen Vater.

Wir erlebten zwei anstrengende Wochen. Jeden Tag wurde ein Kasten strenges Bier getrunken, wer vor dem Essen kein Schnaps trank, wurde verpönt. In Herr M. seinem Zimmer hing kiloweise getrocknetes Fleisch. Das hatte der Vater extra für ihn gekauft. Jeden Tag wurde davon aufgeschnitten, mit Öl mariniert und mit viel Tomaten und Brot gegessen. Auf wackligen Plastikstühlen, in kurzen Hosen und guter kroatischen Musik aus dem Radio. Zwei Wochen lang roch ich Meeresluft und Fleisch. Und ich liebte es. Der Vater von Herr M. war einmal Türsteher, ist einfacher Vize und Weltmeister in Kickboxen und lehrte in seinen Hochzeiten an einer Schule Kampfsport. Er hat 8 Dan., das höchste ist, ich glaube 9 10 und das besitzt nur so ein alter Chinese auf einem Berg. Doch das ist lange her. Er hatte sich viele Verletzungen zugezogen, jünger ist er auch nicht geworden und die Welt des Kampfsports mit Frau und vier Kindern ist auch nicht das wahre.

Also gab er alles auf und verkauft von da an zusammen mit Ernie Grundstücke. Ernie ist ein Millionär aus Deutschland und hatte den Antonio, so heißt Herr M. sein Vater, durch Zufall kennengelernt. Zusammen gründeten sie ein kleines Immobilienbüro. Ernie ist ein übergewichtiger, unglaublich gemütlicher Mann Mitte vierzig. Er lebt eigentlich in Deutschland, kommt aber immer für ein paar Wochen bzw. Monate im Jahr nach Kroatien. Ernie kann kein Wort kroatisch, das ist ihm aber egal. Einmal waren wir in einem Restaurant und Ernie wollte Senf, er sagte also zur Bedienung: "Senf bitte!" Das Mädel verstand natürlich kein Wort, doch Ernie blieb eisern. "Senf, bitte!" sagte er. Die Bedienung blickte ihn hilflos an. Sie wird das in 20 Jahren noch nicht verstehen. dachte ich mir und beobachtete das Schauspiel weiter. Aber Ernie ist Millionär und ein Millionär lässt sich nicht beirren. Er ballte seine linke Hand und klopfte mit der rechten, offenen Handfläche darauf. Dieses, zweideutige Handzeichen verstand dann die Arme endlich. Und Ernie? Der verschränkte genüsslich seine Arme über seinen großen Bauch und grinste. "Na, geht doch! Die Kleine wollt bloß nicht verstehen!"

Zu Mittag gab es sonst immer lecker viel Fleisch und frisches Gemüse. Der Herd stand dabei auf der Terrasse, gegessen wurde immer draußen. Man kannte den Antonio. Die Nachbarn gingen ein und aus, es gab keine Klingel, sie waren einfach da. Und allesamt sahen aus, als kämen sie aus der Requisitenkammer. Ein Fischer, mit einem Anker auf der Schulter, mit zerknittertem Gesicht, braungebrannt und weißem Bart saß manchmal auch auf der Terrasse. Als er Herr M. zum ersten Mal sah, betrachtete er ihn argwöhnisch. Und als Antonio erzählte, dass der bleiche Junge sein Sohn wäre, zischte der Seemann. Ich erwartete zwar ein "rrrrr", das Zischen war aber auch nicht schlecht. Die einen zischten und die anderen behaupteten, Herr M. wäre Antonio wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber alle grinsten. In der ersten Woche grinsten sie, in der zweiten waren wir so knallbraun, dass sie glaubten, wir wären richtige Kroaten.

An manchen Abenden saßen wir bis spät in der Nacht auf der Terrasse, rückten unsere Stühle ganz nach vorne zum Geländer und leerten eine Schnapsflasche, während wir den spannenden Geschichten von Antonio lauschten. Soviel Lebenserfahrung in einer Person werde ich wohl nie wieder treffen.

Man, war das eine gute Zeit. Und so sah sie aus, die Terrasse in Kroatien.

Teil I.


Solverat | 29. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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