Kroatien 2005 (2)

Hier der erste Teil.

In meiner Biografie würde ich diese Geschichte als den wildesten Abend in meinem Leben betiteln.

Antonio wollte uns unbedingt seinen Geburtsort, die Insel Rab zeigen. Ist ein beliebter Urlaubsort, wir wohnten allerdings zwei gute Autostunden davon entfernt. Und da Antonio normalerweise nur mit seinem Mofa durch die Gegend fuhr, brauchten wir erstmal ein Auto. Für Antonio kein Problem. Antonio kannte alle. Ein Polizist würde uns auf die Insel bringen, kein Problem. Der Polizist war ein alter Bekannter von Antonio. Wenn bei einer Verkehrskontrolle mal das Licht nicht ging, gab man diesem Polizisten eine Flasche Wein und die Sache war geritzt.

Als wir an diesem Nachmittag auf den Markt gingen um mit dem Polizisten loszudüsen, fanden wir ihn zuerst nicht. Erst ein paar Telefonate später trafen wir ihn in einer kleinen Kneipe. Total besoffen und absolut unzurechnungsfähig saß er in der Sonne und brabbelte in Antonios schimpfende Gesicht. Scheint dort üblich zu sein, dass Beamte am Nachmittag einen Volldusel haben.

Anti war stinksauer. Kroatisch fluchend gingen wir weiter. „So eine Trottel! So eine Arschloch! Jungs, das könnema vergessen. Da fahren wir nicht mit!“
Er hatte noch einen weiteren Bekannten, dem ein großes Einkaufszentrum in der Stadt gehörte. Vielleicht leiht ihm dieser ja ein Auto. Doch der war zuerst nicht wirklich überzeugt. Antonio griff zu seiner letzten Waffe. Herr M. soll die Tochter des Geschäftsführers heiraten. Auto gegen Sohn, fairer Deal. Der Geschäftsmann war einverstanden und sie schüttelten sich lachend die Hände. Herr M. lachte auch, schließlich war es ein hübsches Mädchen, reich noch dazu.

Unser Ziel, der Zar, erreichten wir am frühen Abend. Der Zar war Besitzer eines Hotels ganz nah am Meer. Es war weiß, hatte griechisches Flair und war mit einer eigenen Anlegestelle ausgestattet. Die Terrasse des Hotels lief auf einer Sanddüne hinaus ins Meer. Der Zar war klein, untersetzt und hatte einen kugelrunden Körper. Ihm fehlten ein paar Finger, ein Auge und eine Glatze hatte er auch schon. "Hat früher mit Bömbchen gespielt!" sagte Antonio grinsend. "Deswegen!" Der Zar war trotz seines Aussehens sehr gastfreundlich und versorgte uns auch gleich mit viel Bier. Ich hatte schon einen kleinen Rausch, als wir nach einer Stunde aufbrachen.

Es war ein schwüler Abend, wir saßen in einem gut besuchten Steakhaus und aßen was uns vor die Augen kam. Die Speisekarte rauf und runter. Dazu immer ordentlich viel Bier. Ernie redete nicht viel, schaufelte lieber in sich rein, was das Zeug hielt. Nach dem Essen ging es weiter in die Stadt. Wir spazierten durch die Gassen und schielten ein wenig in die Schaufenster. Pro forma. Damit man daheim was zu erzählen hatte. Sonst hieße es gleich wieder, wir hätten die ganze Zeit nur gesoffen. Herr M. und Antonio besorgten sich irgendwo ein Eis, während Ernie und ich jeweils Popcorn bestellten. Gott weiß warum wir das taten, denn Hunger hatten wir eigentlich keinen. Nach einer Weile hatte Ernie kein Bock mehr zu laufen und wir gingen in ein weiteres Lokal, tranken noch mehr und bestellten zusätzlich noch eine kalte Platte. Mittlerweile waren wir mehr als gut gelaunt. Das Lokal gehörte einem Chinesen, welchen wir den ganzen Abend nicht sahen. Nur seine Frau kam an unseren Tisch und quatschte gut gelaunt mit dem besoffenen Antonio und Ernie während Herr M. und ich Käsescheiben, Speck und Brot in uns hineinstopften.

Es ging weiter. Auf dem Stadtplatz standen verschiedene Cocktailbars. Und da wir durstig von dem vielen Speck waren, genehmigten wir uns auch gleich einen solchen. In Sachen Cocktails war Ernie noch ein Schulkind, er hatte keine Ahnung was wir da für ihn bestellten. Und so befand er den Long Island Icetea zwar für lecker, doch es war ihm zuwenig. Glaubte er. Er bestellte noch einen. "Ihr Jungs wisst, was Sache ist! Das muss man euch lassen!" lallte er fröhlich und hielt den Cocktail in die Luft. Nach dem dritten Long Island wackelte Ernies Körper, er hielt sich mit einer Hand an der Bar fest und nuckelte nur noch langsam und mit geschlossenen Augen an seinem Getränk. Erst als wir uns nicht mehr auf den Barhockern halten konnten, brachen wir auf. Wir waren auf das übelste besoffen. Ernie rülpste unkontrolliert, Herr M. wankte stark, ich schrie die ganze Zeit "Nihaaa!" - das einzige kroatische Wort das ich konnte - nicht jugendfrei natürlich, und Antonio kreischte jedes vorbeigehende Mädchen an. "Hübsche Püppchen!" Wenn ein zwei Meter großer, sturzbesoffener Kickboxer, im Anhang mit drei weiteren, zwielichtigen Gestalten auf ein zierliches Mädchen zustolpert - meine Fresse.

Es war sicherlich schon vier Uhr morgens, als wir eine Diskothek betraten. Ernie musste sich gleich setzen, während wir durch den Raum wankten. Als wir wieder an der Bar ankamen, stand Antonio mit zwei Mädels an der Bar. Er hatte wahllos Mengen an Bier bestellt, lachte, schielte sturzbetrunken. Aber im Gegensatz zu mir ging es ihm noch blendend. Ich war im Sand, ich war zerstört, mein Wortschatz bestand nur noch aus "Nihaaa!" "aahaahahaha!" und nochmals "Nihaaaaa!"

An der Bar saß Ernie, der betrunkene Witze fabrizierte. Er zog den Barhocker einer Dame, sobald sie aufstand, in seine Richtung. Und wenn sie sich dann wieder zurücklehnte, flog sie fast auf den Boden. Was nüchtern sehr rüpelhaft und unhöflich aussah, fand Ernie zum Schreien lustig. Antonio fing plötzlich an, Spagatübungen an einer Säule zu praktizieren. Wäre sein Fuß ausgerutscht, wäre die Bar vermutlich entzwei gespalten worden und hätte zwei Gäste in den Tot gerissen.

Herr M. knutschte inzwischen mit einer der beiden Mädchen herum, während die andere versuchte, mit mir Kontakt aufzunehmen. Vergebens. Ich interessierte mich für die Nebelmaschinen, für die Laser und für alles andere, nur nicht für sie. Tja, so bin ich eben. Ein Womanizer, wie es im Buche steht.

Der Besuch in einer Frittenbude fehlt mir komplett. Wo nahmen wir nur diesen Hunger her? Das schlimmste an der ganzen Geschichte war dann aber die Heimfahrt. Antonio am Steuer und Ernie schlafend daneben. Ich hatte hinten das Fenster geöffnet und streckte meine Beine hinaus. Eigentlich war das ganze eher mehr gefährlich als schlimm. Im Hotel des Zaren angekommen parkte Antonio das Auto fast im Meer. Ich wollte nicht aussteigen und blieb im Auto liegen. „Lange, komm raus!“ lallte Antonio wankend, während Herr M. auf allen vieren aus dem Auto kroch. Ernie pennte, ich pennte und niemand konnte mich daran hindern. Niemand außer Antonio. Der packte meine Füße und riss mich aus dem Wagen. Pam. Wach.

Teil II.


Solverat | 30. January 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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