Lotto

Gestern Abend kaufte ich mir meinen ersten Lottoschein.

Der Laden, indem ich früher immer Zigaretten kaufte, war mit Senioren gefüllt die gerade ihre Boulevardzeitung bezahlten. Ich hoffte, dass niemand hinter mir den Laden betreten würde, denn das was jetzt kommen würde, sollte mehr als peinlich sein. Während ich in der Schlange stand, überlegte ich, was ich an der Kassa sagen sollte. Ich las jedes Werbeplakat eifrig durch, um vielleicht ein Satz zu finden, den ich dem Kioskverkäufer professionell an den Kopf werfen konnte. Doch ich fand weder ein guten Satz, noch fiel mir etwas gutes ein. Zwei ältere Damen und ein Herr standen noch vor mir.

Zudem musste ich mit Entsetzen feststellen, dass diese kleine Bude keine Bankomatkasse besaß und ich mit Bargeld bezahlen musste. Ich zog nervös meine Geldtasche aus meiner Hose und zählte. Fünfzehn Euro. Was kann ich mit fünfzehn Euro kaufen? Was kann ich mit fünfzehn Euro kaufen? Was kann ich mit fünfzehn Euro kaufen? Ich wurde zittrig. Meine einzige Rettung war verflossen. "N Tipp für Euromillion am Freitag!" hätte ich vielleicht sagen können. Egal was es gekostet hätte. Aber jetzt. Jetzt musste ich auch noch dämlich nachfragen. Die Frau vor mir stellte ihre Tasche ab, drehte sich um und winkte mir. Ich soll vorgehen. Während der Verkäufer dem Herrn vor mir das Rückgeld bereit legte und mich ansah um die Bestellung entgegenzunehmen, versuchte ich Zeit zu gewinnen. Alle sollten den Raum verlassen, bevor ich hier rumstottern würde. Aber die Dame mit ihrer Handtasche rückte ihre Brille zurecht und grinste mich an. Vermutlich lebte sie hier. Bei den Zeitungen. Und der Alte würde bestimmt eine Thermoskanne voll mit Kaffee hervorzaubern und zu seiner Zigarette ein Tässchen genießen, dachte ich weiter. Sie wollten sich das Spektakel eben nicht entgehen lassen.

"Ich hätte gerne für den Freitag einen Tipp. Einer wo der Computer die Zahlen bestimmt!" Ich wurde rot. Die Alte neben mir grinste immer noch. Vermutlich war sie taub. Oder sie machte sich lustig über mich. Der Verkäufer sah mich an. "Wieviele Tipps?" Jetzt war es vorbei. Er hatte mich. "Öhm. Ich hab da zehn Euro. Was krieg ich dafür?" "Fünf." antwortete er, während er in einen grünen Kasten tippte. Alles was er tippte, konnte ich auf so einem LCD Bildschirm auch sehen. "Joker?" fragte er weiter. Verdammte Scheiße, was muss man denn hier alles wissen. "Was kostet der?" fragte ich, während ich dauernd diese dämliche Werbung im Ohr hatte. "Joker! Sagen sie Ja!" Der Verkäufer strich sich durch den Bart. "Also gesamt macht das dann 12,20." "Gut, nehm ich!" sagte ich beinahe fröhlich.

Vor lauter Aufregung bemerkte ich gar nicht, dass sich hinter mir eine Schlange aus fies dreinschauenden Graugesichtern gebildet hatte. Auch egal. Der Verkäufer drückte mir einen roten Zettel in die Hand und grinste. Ich grinste auch. Mein erster Lottoschein. Bezahlt mit echtem Geld.
Der Zettel ziert nun mein Autoradio. Da gibt es unterhalb so eine Rille. Da hab ich ihn reingesteckt. Damit ich ihn jeden Morgen betrachten kann. 100 Millionen Euro.


Solverat | 7. February 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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