Nasenbluten

Mence klopfte mir auf die Schulter. "Hast du n Taschentuch?" Er hielt sich einen Finger an die Nase. "Ich brauch dringend eins!" "Hast wohl zu tief in der Nase gebohrt, was!" lachte ich, während ich dem Typ hinter der Bar winkte. "Jo. Muss wohl so sein. Und mein hoher Blutdruck trägt dazu nichts gutes bei!" meinter er, während das Blut langsam zwischen seinen Finger quellte. Der Typ hinter der Bar brachte eine WC-Rolle.

Wir saßen an der Bar, tranken Bier während ich Mence beobachtete, wie er sich gedrehte Papierfasern in die Nase steckte. "Mach das ein wenig unauffälliger!" grinste ich. "Das sieht ja aus. " Mence drehte seinen Kopf ruckartig in alle Richtungen. Er sah aus wie ein Walross, dass mit seinen weißen Stoßzähnen die Weibchen anlocken wollte. Ich schüttelte den Kopf. Herr M. quatsche mit einem Jungen. Er war eigentlich gar nicht mehr so jung, doch er hatte ein junges Gesicht. Ich habe den vor ein paar Jahren schon einmal gesehen, doch er hatte sich keine Falte älter gemacht. "…Musik ist ein Zustand für Geist und Seele…" Ich hörte lallende Wortfetzen, die der Junge dem nickenden Herrn M. an den Kopf schmiss.

Kurz vor halb zwölf. Wir mussten zum Bahnhof. Ich bin seit dem Bundesheer nicht mehr gerannt und das machte sich auch gleich bemerkbar. Verdammt hab ich gekeucht. In Bregenz liefen wir im Regen mit schnellen Schritten ins Wohnzimmer. Das Bernsteinzimmer, wie Mence immer zu sagen pflegt. Wegen der braunen Wandfarbe. Auf dem Weg dorthin trafen wir einen Bekannten von Herr M. Während wir unter den Häuserdächer Schutz suchten, wankte eine Frau auf uns zu. Sie war Mitte vierzig und hatte eine gebogene Rose in der Hand. Sie war stark betrunken. Wir grinsten zuerst, als sie an uns vorbei humpelte. Als sie jedoch an der falschen Türe minutenlang versuchte, den Schlüssel in das passende Schloss zu stecken, wollten wir helfen. Sie rutsche an der Wand entlang zur nächsten Türe. Als diese auch nicht aufging, wankte sie weiter. Sie hatte die Ruhe weg. Und während sie hilflos versuchte, das Schloss zu besiegen, konnten wir nicht länger wegsehen. Obwohl das vielleicht besser gewesen wäre. Denn wenn um Mitternacht vier Typen in schwarzen Jacken in eine kleine Seitenstraße einbiegen und auf eine hilflose, betrunkene Frau zugehen, kann diese es auch falsch verstehen. "Kann ich dir helfen?" fragte der Kollege von Herr M. Sie drehte sich nach links und blinzelte. Wenn er da alleine gewesen wäre, hätte sie vermutlich Ja gesagt. Doch als sie sich weiter nach links drehte und uns restlichen drei sah, machte sie ein Satz nach hinten und presste sich gegen die Türe. Das war ihr zuviel. Anstatt höflich zurückzutreten, musste ich grinsen. Das machte sie noch misstrauischer und sie hielt drohend die Rose in unsere Richtung. "Nahein. Isch net nöhtig! Dangeschöhn." lallte sie giftig. Bevor sie uns mit der Rose abstechen konnte, verschwanden wir lieber.

Ich aß an diesem Morgen wiedereinmal eine Pizza Speciale. Dazu untypischerweise ein großes Bier. Wäre nicht notwendig gewesen. Wirklich nicht.


Solverat | 12. February 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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