Mittagspause

Boa, was gibt es schlimmeres als Mittagspausen mit solchen Fratzen am Tisch.
In der Firma gibt es momentan viele Veränderungen. Die einen sind schwanger, die anderen dürfen in den wohlverdienten Heeresurlaub abrücken.

Und so werden langsam die Lehrlinge immer mehr und die Ausbildner immer weniger. Es muss gehandelt werden. Der Befehl von ganz oben ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Alle Mitarbeiter ohne Lehrlingsausbildung wurden verpflichtet, einen Kurs zu absolvieren. Einen Kurs, bei dem man lernt wie man richtige Ausbildung macht. Wie man lernt, einen Lehrling richtig zu verhauen.

Es werden ein paar langweilige Abende, glaub ich. Aber es hat ja auch was gutes. Diese Ausbildung ist oberflächlich. Soll heißen, ist nicht berufsbezogen. Sollte ich also irgendwann einmal selbstständig werden, darf ich meine eigenen Lehrlinge großziehen. Ganz gut soweit.

Zu Mittag versuche ich normalerweise alles mögliche, um mich vor der gemeinsamen Mittagspause, welche die Belegschaft in einem Restaurant verbringt, zu drücken. Es widert mich regelrecht an, an diesem überfüllten Tisch voller Raucher über belanglosen, hirnlosen Quark zu jammern. Seit mehreren Jahren hört man an diesen Tischen wahre Leidensgeschichten ohne Happy End. Tag ein, Tag aus.

"Na, bist du eigentlich auch bei der Schulung dabei?" fragte ich einen Mitarbeiter, der mir gegenüber saß, mit einem Thema beginnend. Irgendwas musste ich ja sagen. Schließlich gelang es mir heute nicht, dem Bann des bösen Mittagstisches zu entkommen, ich musste also das beste daraus machen. Pircher nickte. "Du aber auch!" sagte er. "Ja…" Ich seufzte. "Aber es hat auch etwas gutes. Es ist allgemein. Die Ausbildung gilt für jede Berufssparte." Herr T. mischte mit ein. "Tatsächlich? Ist das nicht berufsbezogen?" Ich schüttelte den Kopf. "Nein. Du lernst bei diesem Kurs nur den richtigen Umgang mit den Lehrlingen. Wie du sie zu behandeln hast. Das ist unabhängig von deinem erlernten Beruf."

Ich scherzte weiter. Jetzt noch einen Witz anbringen. Hab ich ihn mir doch so schön bereitgedacht. "Da lernst du, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, deinen Lehrling mal ordentlich zu verprügeln. Und wie man dabei nicht erwischt wird bzw. er dir nichts anhängen kann." Die zwei Herren grinsten. Herr T. hat eigentlich gar nichts zu grinsen. Der wird bald mit Zementsäcken auf dem Rücken die österreichischen Berge erklimmen. Für Wochen. In Grün.
Ich fantasierte weiter. "Verteufelung könnte man das dann nennen. Hauptsache aus dem Schneider!" Die beiden glotzten und lachten dann. "Was? Verteufelung? Und was ist das?" Sie lachten lauter. "Hahahaha!" Ich wurde verunsichert. Das Wort klang tatsächlich blöd in meinen Ohren. Durch ihr Lachen bekam es ein noch blöderes Klangbild. "Naja. Auch wenn ich das Wort nur erfunden hätte, egal, als Lehrlingsausbilder darf ich das!" Die zwei fingen ein wenig an zu sabbern, während sie lachten. Ich sah Schaum. Glaubte ich jedenfalls. Menschen mit Intelligenz lachen nicht über Worte die sie nicht kennen. Menschen mit Intelligenz hinterfragen. Dumme Menschen hingegen finden unbekannte Wörter witzig. Dumme Menschen sabbern gerne, fallen lachend mit ausgestrecktem Finger und in Überzahl über andere her. Das ist einfach. Einfacher.

Verteufelung, ihr zwei Krawattenbügler, ist ein Synonym für Verleumdung, Abwertung. Und hätte ganz gut gepasst. Aber ihr hättet auch gelacht, wenn ich suggerieren gesagt hätte.

Aber hey, ich nehme es euch nicht übel. Ihr seit nicht alleine. Der ganze Mittagstisch stank nach ungebrauchter Hirnmasse.


Solverat | 26. February 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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