Glück

4,40 Euro für eine 10er Packung Aspirin+C geht in Ordnung. Man kann bei der Apotheke mit Karte zahlen, das ist noch mehr in Ordnung.

Seit gestern Nachmittag geht es mit mir bergab. Mir war übel, hatte Kopfschmerzen und ich war todmüde. Grund zur Sorge hatte ich allemal. Ein Mitarbeiter liegt seit zwei Tagen mit Windpocken zuhause. Das ist eigentlich eine Kinderkrankheit, die Erwachsenen aber schwer zulegen kann. Ich hatte die Windpocken nie, meine Geschwister auch nicht, was für mich jetzt um so gefährlich werden konnte. Wenn ich jetzt angesteckt werde, rotte ich damit automatisch die ganze Sippschaft aus. Gestern Nachmittag sah es ganz danach aus. Also wurde ich sofort aus dem Büro verbannt, denn Herr P. hatte die Windpocken auch noch nicht.

Ich fuhr in die Apotheke um Aspirin zu holen. Ich kenne nur Aspirin. Medikamente wurden von meiner Familie schon seit ewig ferngehalten. Medikamente sind böse. Meine Mutter steckte mich bei Krankheiten lieber ins Bett und überließ die Krankheit meinem Körper. Einzig Essigpatschen galten als erlaubtes Hilfsmittel. Essigpatschen. Mein Gott, was war das für ein Horror. Nach jeder Behandlung musste ich das 1×1 neu lernen, da der Gestank mein Wissen wegätzte. Der Essig machte meine Füße zu einem wabbligen Pudding, sodass ich für eine Weile auch nicht mehr laufen konnte. Die eigentliche Krankheit war nach der Behandlung meiner Mutter das kleinste Problem.

Natürlich möchte ich mich hier nicht beschweren, aus mir wurde ein zäher Bursche dem so gut wie keine Krankheit mehr in die Knie zwingen kann. Die Bakterien kennen mich. Sie kennen meine Mutter. Und so habe ich in meiner Kindheit ein Pakt mit ihnen geschlossen. Sie lassen mich in Ruhe, dafür gibt es keine Essigpatschen.

Zuhause angekommen, es war gerade mal vier Uhr nachmittags, löste ich eine Aspirin Tablette in einem Glas Wasser auf. Runter damit. Hallo Bakterien! Nein, kein Essig, nur Vitamin C.

Ich ging ins Bad und ließ das Wasser in die Badewanne fließen. Herrlich, ein heißes Bad. Der Knauf, mit dem man die Menge und Temperatur regelt, stand senkrecht nach unten. Unten ist lauwarm. Rechts ist kalt und links ist heiß. Ich drehte den Knauf ein bisschen nach links und fühlte mit dem Finger den Wasserfluss. Kalt. Ich drehte den Knauf weiter nach links. Kalt. Ich fluchte. Erst als ich den Knauf bis zum Anschlag nach links drehte, war die Temperatur genehm. Aus einer Dose mit lustigem, grün kristallendem Inhalt leerte ich eine halbe Tasse ins Wasser. Es stand irgendetwas mit Erkältung oben, es war also sicher nichts falsches. Ich legte das Buch Angst von Stefan Zweig zur Seite um in der Brühe ein wenig zu schmökern.

Ich habe eine kleine Badewannenphobie. Ich habe Angst, ich könnte in der Badewanne einschlafen und dann unter Wasser ersaufen. Meine Mutter warnte mich früher, dass ich niemals das Bad absperren sollte, wenn ich badete. Meinem Opa wäre das einmal beinahe passiert. Der ist im Wasser eingepennt und dann fast untergegangen. Scheiße, dass muss echt schlimm sein. Da wachst du auf und liegst unter Wasser. Vielleicht schon tot. Dachte ich zumindest. Früher hatte man eine lebendige Fantasie, was das anbelangte. Auch wenn es nur ein Märchen zum Abschrecken war. Aber was man einmal als Kind gehört und sich ausgemalt hatte, vergisst man einfach nicht. Das weißt du ja selber.

Das Wasser färbte sich grün. Ich war bereit. Anders als im Fernsehn, steige ich schon in ins Wasser, bevor die Wanne bis oben hin gefüllt ist. Ist eben eine Angewohnheit. Während ich da so liege, und dem steigendem Wasserpegel zuschaue, merkte ich langsam, wie das Wasser nicht wärmer wurde. Der blöde Hebel hatte ich schon nach links gedrückt, mehr ging nicht. Ich lag in einer halb gefüllten, viel zu kleinen Wanne, die nicht aufgelösten Kristalle piksten mir in den Arsch und das Wasser wurde immer kälter. Ich fluchte so derbe, dass die Frühlingsvögel vom Dach flogen. Wer um alles in der Welt verbraucht an einem halben Tag 2000 Liter warmes Wasser? Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Da will ich einmal im Jahr ein Bad nehmen, und dann gibt es kein warmes Wasser.

Mir blieb nichts anderes übrig als wieder aus der Wanne zu steigen und mich anzukleiden. Ich warf mich stocksauer ins Bett und zappte mit müdem Blick durch die Fernsehkanäle. Bei einer Dokumentation über eine Tauchergruppe, die auf ARTE lief, schlief ich ein. Ich schlief 14 Stunden durch. Ohne einmal aufzuwachen.

"Na, wieder fit?" fragte Herr P. heute Morgen. "Ich will nicht reden." murrte ich mit kratziger Stimme. "Ich habe 14 Stunden durchgepennt. Verstehst! 14 Stunden." Herr P. lachte. "Das ist zuviel. Soviel Schlaf ist nicht gesund!"
Ich antwortete nicht. Stattdessen suchte ich im Internet nach Symptomen der Windpocken. "Da! Erste Anzeichen sind häufig Fieber und Kopf- oder Gliederschmerzen." zitierte ich laut. "Genau das habe ich. Mir tut alles weh." Herr P. winkte ab. "Wenn ich solange schlafen würde, hätte ich auch Gliederschmerzen. Du bist auch noch 5 Meter groß, da ist es noch schlimmer." "Pf! machte ich. "Pf!"

Trotzdem, ich hoffe, er hat Recht. Ansonsten findet unser Familienstammbaum aufgrund einer Epedemie bald ein jähes Ende.





Verwandte Beiträge: