Hells Angels

Gerade wollte ich aufstehen um mir Kaffee zu holen. Dazu muss man aus dem Büro, um die Ecke und die Tasse unter die Maschine stellen. Ich wollte also gerade den Knopf mit der aufgemalten, großen Tasse drücken, als ein kleiner, breitschultriger Mann mittleren Alters hereinkommt. Er lief breitbeinig, stampfend und hatte eine gebückte Haltung. Hinter seiner leichten Brille funkelten kleine Augen. Auf seiner Jacke stand unübersehbar Hells Angels. „Ich hätte hier was zum rausdruggn!“ sagte er, ohne mich anzusehen. Er kam mir bekannt vor. Früher war der, glaub, öfters hier.

Im Büro schob ich die CD ins Laufwerk um mir ein Überblick zu verschaffen. „Was kostet denn der Dreck?" fragte er mich. „Wieviel Stück brauchst du denn?“ konterte ich, während ich das Dokument öffnete. Ein 10-seitiger Katalog, voll mit Pins, Aufnäher und Patches. Angehängt war eine Preisliste. with no taxs - exkl. MwSt. stand groß drauf. „Ich brauch so…“ Er hielt seine Handflächen ein paar Zentimeter voneinander entfernt und bildete ein unsichtbares Rechteck. „…so ca. zehn schöne Paketchen.“ Ich schnappte mir ein Taschenrechner und öffnete die Preisliste. „90 Euro!“ sagte ich. Der Hells Angels Anführer machte einen Satz nach hinten. Ich sollte gleich spüren, dass mit dem Höllenengel nicht zu spaßen war.

„Ja bist du übergeschnappt. Ich muss das ja an die Leute weiterver…, ich muss das ja verschenken. Das ist ja Wahnsinn! Wollt ihr mich ausnehmen?“ Er fuchtelte wild, sein Nackenspeck quilte rot unter seiner Baseballkappe. „80!“ erwiderte ich, ohne aufzuschauen. „80 Euro. Weiter runter kann ich nicht.“ Normalerweise handle ich nicht, aber bevor ich ein Baseballschläger auf den Schädel bekomme oder meine Schwester entführt wird, füge ich mich meinem Schicksal. Doch der Todesengel dachte nicht daran, sich zu beruhigen. „Dafür kann ich ja ins Puff dafür! Die Scheiße! Was soll das?! Die paar Ausdrucke! 20, 30 Euro, mehr geb ich da nicht aus!“ Seine Aufnäher glühten gefährlich. Ich blieb locker, so gut es ging. „Ok! 70 Euro. Aber weniger geht nicht. Das ist unterste Grenze. Da verdienen wir so gut wie nichts mehr.“ „Ich glaub`s nicht! Na gut, 70 Euro! Man! Man!“ Er schüttelte den Kopf und sortierte genervt Blätter auf meinem Schreibtisch.
Herr P. kam ins Büro und lehnte sich in seinen Stuhl. Der Hellyboy blickte hilfesuchend in seine Richtung während er mit dem Finger auf mich zeigte. „Dein Kollege! Dein Kollege hier zieht mir hier die Hose aus. Das ist ja ein Wucher! Sowas!“ Herr P. lachte. Hab ich`s doch gewusst. Die kannten sich. Doch ein günstigeres Angebot würde er von Herr P. auch nicht bekommen. Das merkte er. Also gab er auf. „Alles klar. Und wann kann ich das Zeugs abholen?“ Der Höllenengel zappelte.
„Morgen!“
„Paahh! Ganz dicht. Heute!“
„Ab 5 Uhr, ok?“
„Was? Um 2 Uhr heut Nachmittag hol ich den Dreck.“

Ich seufzte. „Allright. Dann bis zwei.“ Er verließ mit stampfenden Schritten das Büro, während er mit einer Klarsichtfolie um sich fuchtelte und fluchte. „Diese Banditen!“
Herr P. lachte laut. „Der Typ ist genial!" prustete er. „Wenn du mit ihm streitest, dann liebt er dich. So ist der eben. Alles verkehrt, bei denen.“

Ich muss gleich zuhause anrufen. Das Grundstück könnte bereits brennen, während biertrinkende, rauchende Biker rau lachend über die Frühjahrsblüte trampeln, laut schreiend „Halsabschneider! Halsabschneider!“ die Luft verpesten und unsere Schafe anmalen.





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