Gefälschtes Fleisch

Am Freitag Abend saß ich bei Herr M.
Wir glotzten tausend Musikvideos und tranken Bier, während wir wichtig über die Abgründe, Tiefgründe, Aufgründe und Abgründe der Musiker schwatzten. Ist immer wieder ein Spaß. Alleine würde ich mir das niemals geben. Doch in Gesellschaft mit Bier und gefälschtem Fleisch geht alles besser. Gefälschtes Fleisch? Ja. Gefälschtes Fleisch.

Herr P. sagte einmal etwas sehr wahres. „Bis 25 saufst du dir jedes Wochenende die Hucke weg. So richtig bis zum blöd werden. Ab 25 meinst du dann, eine Familie gründen zu müssen, Kinder zu erschaffen, ein Haus bauen, der ganze Schmarren eben. Und ab 45 beginnt alles wieder von vorne. Dann ist wieder das Saufen wichtig, dann hat man wieder Kumpels, dann zieht man wieder um die Häuser!“

Vor ein paar Tagen erblickte ich zuhause auf dem Küchentresen ein paar Metalbüchsen. Wurstdosen. Rund, nur ein paar Zentimeter hoch und luftdicht verschweißt. Daneben standen zwei Flaschen Schnaps. Einmal Apfel, einmal Birne. „Vom Hubert!“ erklärte Vater stolz. „Das ist bester Schnaps.“ „Selbstgebrannt?“ fragte ich. Er nickte. „Und was sind da für Dosen?“ Ich nahm eine in die Hand. Die Frage erübrigte sich, als sich die Dose in meiner Hand untypisch verhielt. Sie wackelte auffällig, als wäre Wasser anstatt Dosenwurst darin. „Wegproviant!“ grinste mein Vater. „Wenn man wandern geht und so…“

„Aha! Wegproviant…“ erwiderte ich. Ich kenne den Hubert. Hubert ist ein massiger und spaßiger Autohändler, der gerne isst, nach dem Heuen Weizenbier sauft und gern auch Schnaps nachleert. Er hat ein großes Haus mit einem riesen Hof. An einer Stange klemmt, seit ich Hubert kenne, ein Hund an der längsten Metallkette der Welt. Sicher zwanzig Meter lang ist die. Der Hund muss jedesmal kiloweise Metall schleppen, wenn er sein Wassernapf aufsuchen will. Die Hunde vom Hubert sterben alle nicht an Altersschwäche. Nein, die haben alle ein irreparablen Hüftschaden. Die muss man früher oder später erschießen, weil sie zum Schluss schlimmer hinken als der Klöckner nach einer Operation bei Dr. Mengele.
Huber ist Vaters bester Kumpel. Und Hubert traue ich zu, dass er Alkohol in Dosen leert, diese verschweißt und Lyonerwurst rauf kritzelt.

Mein Vater grinste breiter. „Joa. Lyonerwurst!“ „Auch vom Hubert?“ fragte ich. Vater nickte.
Alles klar. Mir fielen Herrn P. seine Worte ein. Wie recht er doch hat. Die Typen haben den grössten Spass, wenn sie Alkohol in Metalldosen schütten und rumerzählen, es wäre Wurst darin.

„Ich nehme eine mit.“ sagte ich am Freitag Abend zu meinem Vater. „Das glaubt mir sonst keiner.“

„Oha! Fleisch aus der Dose!“ staunte Herr M. als ich die Dose aus meiner Jack zog. „Geil!“ Ich grinste. Plötzlich fühle ich mich wie Hubert sich fühlen musste, wenn er seine Alkdosen zeigte. „Du wirst es nicht glauben. Gib dir das!“ Ich holte einen Dosenöffner und schnitt die Dose auf. Darin lagen drei säuberlich geschnittene Birnenstückchen und zwei Plastikspießchen in klarem Schnaps. „Ich glaub´s nicht.“ lachte Herr M. Wir pflückten das Obst mit den Spießchen aus der Dose. Die Birnen schmeckten fürchterlich, der Schnaps hingegen war lecker. Und er schoss unglaublich schnell zu Kopf. Plötzlich war der lallende Arni das witzigste auf der Welt.

Nochmals zum aufschreiben: Die Alten saufen das beim Wandern. Während mir am nächsten Tag die Hirnrinde brannte und Herr M. an diesem Abend wieder einmal seine schizophrene Persönlichkeit "Kalle" zum besten brachte, so wie das bei ihm immer passiert, sobald er zuviele Synapsen löscht, saufen die das auf dem Berg. Zum Spaß.

Zuhause stehen noch zwei solche Dosen. Auf einer steht ein "K". Steht wohl für "Kirsche".


Solverat | 19. March 2007 | - Kategorie: History | Tags:,



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