Arbeit trotz Hindernis

Im Schafstall steht eine blaue Tonne, gefüllt bis obenhin mit Futter.

Jeden Tag füllt mein Vater die Futtertröge der Schafe mit dem Futter aus der blauen Tonne. Dabei fährt er gerne, sowie  Amelié auch, mit beiden Hände tief durch das kalte, weiche Getreide. Vorgestern verirrte sich ein zwei Zentimeter langer Holzspieß in die Tonne. Er versteckte sich tief unten und richtete sein spitzes Ende in vertikale Lage.

Als mein Vater an diesem Abend wie gewohnt den Stall betrat, ahnte er noch nichts von der baldigen Bekanntschaft. Er klopfte ein wenig Heu auf den Boden um es den trächtigen Tieren gemütlich zu machen. Dann drehte er sich um und griff herzhaft und kräftig in die Tonne. Das wartende Holzstückchen lachte glücklich, packte den Ringfinger, bohrte sich unter dem Fingernagel durch und grub sich tief in das Fingerfleisch. Es ließ Vater laut fluchend aufschreien und zurücktaumeln.

Doch es war bereits Abend, und Männer wie er gehen am Abend nicht zum Arzt. Männer wie er denken sich den Schmerz weg. Männer wie er denken rational:

Am nächsten Morgen war Schnee gefallen. Viel Schnee. Schon in Herrgottsfrühe packte er seine Schneefräse und Schneeschaufel um dem Schnee den Kampf anzusagen. Mit einem Stück Holz im Finger. Denn er wusste trotz pulsierendem Finger, wenn er zum Arzt gehen würde, dann würde man ihm einen Gips auf die Hand knallen und er würde dann nicht mehr arbeiten können. Wo andere endlich einen Grund gefunden hätten, sich zurückzulehnen und sich zu verpflegen zu lassen, ging er trotzig seiner Arbeit nach. Ohne Murren mit Winterjacke, Tirolerhut und Schnee auf der Nasenspitze.

Am Nachmittag saß er am Küchentisch, seine Hand lag im weißen Gips. „Mit dem Teil fahr ich in zwei Tagen ab.“ fluchte er. „Solange du dir das Bier selber noch einschenken kannst ist es halb so schlimm!“ antwortete ich.


Solverat | 21. March 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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