Damals waren wir Langfinger

Wir waren einmal auf einer Party. Veranstaltet von einer Schule, im Freien. Eine riesen Wiese mit einem großen, weißen Zelt. Wir waren schon besoffen, als wir das Gelände betraten. Komischerweise war das damals so üblich. Zuerst irgendwo rumlümmeln und sich betrinken, bis das Telefon klingelte. Party. Irgendwo. Dann ist man da hin. Irgendwie. Früher, da klingelte das Telefon oft. Da hatte man nur Saufkollegen und Partygeier im Telefonbuch stehen. Die wussten, wo der Bär steppte.

Wir hatten kein Geld an diesem Abend, die Getränke waren schweineteuer und nirgends gab es anständiges Bier. Nur Sekt und Wein aus Flaschen. Das kackte uns an. Denn, wenn man besoffen ist will man weitersaufen. Und nicht blöd rumstehen. Da wird man müde davon. Wir wanderten also über die Wiese und maulten. Die Menge war bereits aufgeheizt und tobte im Zelt, während wir uns zu dritt das letzte Dosenbier teilten, welches wir heimlich auf das Gelände schmuggelten. Man hatte früher beim Anreisen immer ein wenig Dosenproviant dabei. War die feine Art, damals.
Als auch diese Dose ausgeschlürft war, warf ich sie zerdrückt, mit ein wenig Wehmut in einen Mülleimer. Und dann sah ich es. Das Stromkabel. Es war leuchtend gelb und schlängelte sich durch die Wiese zu einem Kasten.

Da wir kein Geld hatten, niemanden auf der Party kannten, der Typ der uns anrief, bereits wieder verschwunden war, hatten wir nichts besseres zu tun, als diesem lustigen Kabel zu folgen. Dieses endete in einem kleinen Kasten, der sich beim näheren Betrachten als Sicherungskasten entpuppte. Wankend standen wir davor. Ein Kollege kreischte. Geil! Strom aus! Alk raus! oder so. Wir konnten nicht mehr gut sprechen. Aber wir dachten immer noch alle dasselbe. Nach kurzem Kopfnicken gingen die zwei in Richtung Zelt, während ich mich ächzend in die Wiese kniete und die kleine Plastikscheibe hochdrückte, welche die Sicherung verdeckte.
Nach ein paar Minuten fand ich es an der Zeit, die Party zu stoppen. Ich dachte nicht daran, dass an diesem Stromkabel vielleicht mehr als nur ein Licht angeschlossen sein könnte. Das Kühlschränke, WC Anlagen, ganze Lichterkollonien und die gesamte Soundanlage vielleicht auch Strom brauchen könnten, war zu diesem Zeitpunkt absolut irrelevant. Viel wichtiger war es, günstig an ein paar Tropfen Alk zu kommen. Koste es, was es wolle. Vielleicht hätte mich der Durchmesser des gelben Kabel ein wenig zu Denken geben müssen, nüchtern hätte es das auch bestimmt, nicht jedoch an diesem Abend.
Im TV werden solche Aktionen immer von gigantischen Nebeneffekten und Geräuschen begleitet. Wenn die Lichter ausgehen, machen sie es nacheinander. "WZK, WZK". Aus den Sicherungsschalen sprühen ein paar Funken, die Soundanlage macht ein letztes "WWUIIIIIISSSHH" und endet dann immer mit einem tiefer werdendes "UUUUHH", während die Kühlschränke zischen und aus den Türspalten rauchen. Ein richtiges Spektakel ist das dann eben.

Als ich den Sicherungsbalken nach unten drückte, machte es aber nur ein *klick* und dann war es dunkel. Dunkel und still. Kein Funken, kein Geräusch, keine Musik. Eine Grille vielleicht. Für ein oder zwei Sekunden war es so still, als hätte man eine große Glocke über die Partywiese gestellt. Nach diesen zwei Sekunden glaubte ich meine zwei Kollegen hämisch laut lachen gehört zu haben. Dieses ging dann aber bald im Geschrei der Meute im Zelt unter. Was hatten die Panik. Das Zelt bekam Dellen und manchmal waren Abdrücke von Menschen in der Zeltwand zu sehen.

Ich saß mich in Ruhe auf und wankte auf den Weg zurück. Kurz bevor ich das Zelt erreichte, rannten die ersten Gestalten Richtung Sicherungskasten. Plötzlich zweigten zwei der Gestalten vom Weg ab und schlurften über die Wiese zur abschließenden Mauer. Ich wusste Beischeid.
Keuchend ließ ich mich neben sie an der Mauer auf den Boden gleiten. Die zwei grölten und kreischten. Jeder von ihnen hatte zwei Flaschen Wein in der Hand. Ihre Shirts waren bereits vollgeleert, ihre Münder wässrig. "Gib!" gierte ich.
Ich setzte die Flasche an und ließ den herrlich kühlen Wein in meiner Kehle gurgeln. Was hatten wir für ein Durst, damals. Fröhlich kippten wir jede Flasche bis zur Hälfte. Danach war Schluss. Danach knipste man auch mir die Sicherungen aus. Zk machte es.

Die Kollegen erzählten mit Stolz, wie sie angeblich mit einer Schnur über den Tresen die Flaschen klauten. Mit Style, so wie Lucky Luke. Dass sie knallbesoffen waren, sie nicht einmal ihren Finger an die Nase brachten, woher die Schnur kam und wie man Flaschen mit einem Lasso überhaupt fängt, war nebensächlich. Fischersprache eben. Wenn man einen Auftrag erfüllt, darf man dazu erfinden. Es wird ihnen keiner das Gegenteil beweisen. Vermutlich aber, so denk ich mir, fielen sie im Dunkeln über den Tresen, knallten mit dem Gesicht in die Bar, die für jeden zwei Flaschen freigab. Nichtswissend rollten sie dann unter der Bar ins Freie, den Schatz festgekrallt.

Ja, früher wussten wir, wie man Party macht. Wenn auch auf Kosten anderer.


Solverat | 25. March 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



Verwandte Beiträge: