Sonntag mit Hindernissen

Meine Schwester hatte mal einen Typen, den konnte meine Mutter nicht leiden. Ich eigentlich auch nicht, war ein komischer Kauz, einfach zu strange, zu strange für sie.
Aber es war ihr Typ, schlussendlich war es mir ja egal. Meiner Mutter hingegen nicht. Sie sah ihn nur einmal und seit diesem Tag hasste sie ihn. Mütter können das. Einen hassen, obwohl sie mit demjenigen noch kein einzigen Satz gesprochen haben. Gefühlssache. Und so durfte man den Namen von José* nicht einmal aussprechen. Wenn man das tat, stand Mutter im Türrahmen, egal wo sie sich gerade befand. War sie im Keller und man flüsterte im Dachboden seinen Namen, war Mutter eine halbe Sekunde zur Stelle, lugte mit blitzenden Augen in die gesprochene Richtung. Sehr unheimlich war das ganze

Vorgestern, am Sonntag, rief meine Schwester die Eltern an den Tisch. „Bitte, setzt euch einen Augenblick hin.“ sagte sie. Meine Mutter schimpfe. „Kannst du das nicht normal sagen. Mach kein Theater daraus!“ Meine Schwester blieb stur. „Nur ein paar Minuten. Ich muss euch was wichtiges sagen.“ Meine Eltern bekamen ein mulmiges Gefühl. Kinder bitten ihre Eltern nicht gerade oft, sich zu setzten. Also versammelten sie sich um den Tisch. „Ich hab ein Scheiß gebaut.“ sagte meine Schwester. „Jetzt sag schon!“ Meine Mutter hasste es, auf die Folter gespannt zu werden. „Ich hab gebürgt.“ erwiderte meine Schwester ohne Umschweife, schneller als den zwei lieb war.

Mein Vater, den normalerweise nichts aus der Ruhe brachte, wurde ein wenig nervös. Meine Mutter stöhnte auf. „Mamamia. Mädchen. Wie kannst du so dumm sein!“ Sie blieb aber verhältnismäßig ruhig.
„Er ist abgehauen…“ sagte meine Schwester mit hängendem Kopf. „Einfach weg…“
Mein Vater saß sich aufrecht auf und verschränkte seine Hände. In dieser Pose sollte der Typ meinen Vater nicht sehen. Er würde ihm jetzt nämlich den Kopf abreisen und Salz reinstreuen. "Um wieviel Geld geht es denn?" fragte er halb zornig, fast schon zu leise.
„5.000!“
Meine Mutter schnappte nach Luft und hielt sich die Hand an die Stirn. Macht sie immer. Macht alles so schön dramatisch. Hat sie von ihrer Mutter. „5.000 Euro!“ wiederholte sie langsam mit viel Luft. „Mensch du naives Kind! Wie kannst du nur…“
Und dann kam die schlimmste Frage. „Für wen hast du gebürgt?" Meine Schwester holte tief Luft. Mutter hing an ihren Lippen, die Augen sprangen von ihren Augen auf ihren Mund, immer wieder. Auf und Ab. Die Hand hatte sie inzwischen nicht mehr an ihrer Stirn sondern vor dem Mund. Vater hatte den Kopf ein wenig nach unten geneigt, um seinen Stierblick zu präsentieren.

„José!“ platzte meine Schwester. Warf es den Eltern an den Kopf.
Mutter, welche bis zu diesem Zeitpunkt relativ gefasst war, fing an zu brodeln. Zuerst zitterte ihr Körper ein wenig, dann wurde sie langsam rot. Wunderbar anzusehen. Ein Comiczeichner hätte dieses Bild nicht besser zeichnen können.
Sie, die auf solche Geldgeschichten immer schon empfindlich reagierte, muss nun mitansehen, wie der kleine Hurensohn ihre Tochter ausnahm. Sie musste sich in diesem Moment bestätigt fühlen. Gleichzeitig gefüllt mit purem Hass. Vielleicht sagte sie deswegen nichts. Sie wusste nicht, was.
Während Vater bereits nachdachte, ob in seiner Motorsäge genug Benzin war, denn es würde ein langes Gemetzel werden, wenn er diesen kleinen Mistkerl erstmal geschnappt hatte, schüttelte meine Mutter den Kopf und flüsterte hilflos vor sich hin.
Das warf die beiden ganz schön aus den Bahnen.

Meine Schwester blickte auf und blitzte die beiden an. Dann stand sie auf und begann plötzlich im Raum herumzuhüpfen. „HAHAHAHAHAAA!“ schrie sie laut. „HAHAHHAHAA!“

Vater begriff langsam. Mutter nicht. Sie blickte nur verstört.

„April!“ kreischte meine Schwester.

Meine Mutter sackte zusammen. Vater zog ein Lachen auf, so als ob er es eh schon die ganze Zeit gewusst hätte. „Also…“ Mutter war fix und fertig. „Also… Mädchen… mach das nie wieder!“ Meine Schwester prustete immer noch und klopfte sich mit dem Finger gegen ihre Schläfe. „Glaubt ihr wirklich, dass ich so blöd bin?“ Vater guckte mit gesenkten Kopf auf den Tisch. Entweder dachte er sich "Ja, das dachte ich wirklich…" oder er dachte wieder an seine Motorsäge. Das er sie wieder einmal reinigen sollte.

*José = Geschichtenname.





Verwandte Beiträge: