Über das Fettsein

Ich hatte nie Probleme mit Übergewicht. Im Gegenteil. Bis vierzehn lief alles normal. Wie bei jedem. Dann wuchs ich zwar weiter, nahm aber nicht mehr an Gewicht zu. Ich wurde länger und länger. Ich war ein Stecken, mit 16. Ich konnte in mich hineinstopfen, was ging. Es blieb nichts haften. Und ich hatte wirklich einen gesunden Appetit. Ich fraß alles. Meine Mutter fragte andauernd, ob ich ein Loch im Bauch hätte, meine Oma hatte Angst vor mir und die Verwandschaft dachte, ich wäre drogensüchtig. Niemand isst soviel und sieht dabei aus wie Pinocchio.

Das alles blieb unverändert bis zu meinem 21. Lebensjahr. Bis dahin war ich der dünne Jonny, der im Hochsommer mit langen, schwarzen Hosen am See saß und Bierchen trank. Zum Glück fand ich ein paar Gleichgesinnte, die aufgrund ihres bösen Musikgeschmacks auch auf Sommerbekleidung verzichteten und lieber in langen Jeans schwitzten. Mir gefiel ihre Mucke nicht, aber das mussten sie ja nicht wissen. Sie waren quasi das Mittel zum Zweck. So konnte ich mich in ihrem Kreis verstecken und hatte bei blöden Fragen Rückenwind.

Und so blieb ich der dünne, bleiche Metaljonny, der eigentlich gar kein Metaljonny war.

Dann kam der Urlaub in Kroatien und das Bundesheer. Diese Dinge veränderten nicht nur meine Psyche, sondern auch meine Figur. Langsam setzte sich was an. Auch blieb langsam ein wenig Farbe kleben. Wenn sich auch meine Haut meist nur rot pigmentierte. Hauptsache Farbe. Das gegessene Fleisch setzte sich immer mehr, genau wie das Bier in der Bauchgegend ab. Endlich, denn das Zeug, was ich da kiloweise verschlang, kostete schließlich Geld, da will man was sehen dafür.

Mittlerweile, ich muss die Zahl nicht verstecken, bring ich 90 Kilo auf die Waage. Große Menschen sehen damit immer noch schlacksig aus, das ist aber schon in Ordnung so. Ich esse und trinke weiterhin wie ein Schwein, solange meine Schenkel sich aneinander vorbei bewegen, ohne sich zu berühren, ist das völlig ok.
Obwohl, wenn ich so recht überlege, in den letzten Tagen im Bundesheer scheuerte ich mir die Haut der inneren Oberschenkel beim Joggen auf, was dann beim Laufen richtig juckte. Aber das ist uninteressant. Das will wirklich keiner wissen.

Nun denn. Ich bring es noch auf die 112. Glaubt mir. Dann bekomme ich ein wackeliges Gesicht.

Dieser Beitrag ist der Frage von Herrn Deletz gewidmet.


Solverat | 4. April 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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