Osteressen

Essen mit Verwandten. Das kennen wir alle. Es ist furchtbar.

Der Oma gefällt die Tischdecke, der Opa lacht über alles, verstehen tut er aber nix. Man sitzt am Tisch und schlürft die Suppe, während die Stille zäh durch den Raum zieht. Das Besteck klimpert laut in den Ohren, das Schmatzen bekommt einen eigenen Tagespunkt.

„Kommt heute noch die Sonne?“ fragte Oma. Sie guckte obligatorisch aus dem Fenster und bewegte den Kopf suchend auf und ab. Endlich ein Thema. Das ist Vaters Spezialgebiet. „Sollte sie, ja! Heute Nachmittag.“ erwiderte er. Der Tisch war gelangweilt, man wusste nicht was sagen. Die Hände wanderten zur Serviette, legten sie gerade, wanderten weiter zum Glas, schoben es zurecht. Hauptsache die Augen hatten etwas zum fixieren. Ich saß mit verschränkten Armen am Tisch, ein wenig nach unten gerutscht. Mein Rücken brannte. Oma blinzelte mich an. „Ein schönes Auto hast du, Stefan!“ Ich grinste und rappelte mich hoch. „Danke!“

Wir sprachen über Geld. Wenn wir plötzlich eine Million auf dem Konto hätten. „Was würdest du mit soviel Geld machen, Oma?“ fragt meine Schwester. Interessante Frage. Was macht eine alte Frau mit viel Geld. „Ach, ich bin froh, dass ich es nicht habe. So kann ich wenigstens gut schlafen.“ Gute Antwort, dachte ich mir. Die alten Menschen. Immer so zuvorkommend und sozial überlegt.
„Ich würde mir einen Audi kaufen.“ meinte meine Schwester. „Und eine Wohnung.“ Sie war noch besoffen vom Vorabend, sie schwafelte wie eine Zwölfjährige auf einem Zuckertrip. „Und einen Käfer. Ja, einen Käfer würde ich mir dann einfach so zulegen.“

Die Hauptspeise wurde aufgetischt. Bohnen, Kartoffeln, Fleisch. Endlich gab es wieder etwas zu tun. Ich begann das Fleisch zu zerschneiden. Meine Oma plapperte weiter. „Früher, da mussten wir einmal einen Aufsatz schreiben, Wenn wir reich wären. Ich hab geschrieben, dass ich mir einen großen Bauernhof kaufen würde.“ Ihre Augen funkelten. Opa lachte.

Mein Teller war leer, ich stellte die Salatschüssel darauf und stach mit der Gabel in den Eissalat. „Vor ein paar Jahren, da haben Schüler in meiner alten Schule dem Direktor einen Streich gespielt!“ fing ich an. Eine kleine Anekdote zu Mittag ist immer gut. „Der hatte einen Käfer als Auto. Heiß geliebt hat er den. Die Klasse machte ihren Abschluss in Maschinenbau und wollten dem Herrn Direktor in guter Erinnerung bleiben. Also haben sie über Nacht seinen Käfer in die größten Bestandteile auseinander genommen, sie in den zweiten Stockwerk der Schule geschleppt und dort wieder zusammengebaut. Als am nächsten Morgen der Direktor in die Schule kam, stand sein geliebtes Auto vor seinem Büro. Im zweiten Stock.“
Oma guckte ungläubig. „Wirklich?“ Ich nickte. „Ja. Tatsache!“

Als wir mit dem Essen fertig waren und die Teller alle aufeinander gestapelt waren, legte Oma ihren Kopf zur Seite und schrie in Opa´s Ohr. „Das war ein 4 Sterne Essen. Nicht wahr, Papa?“ Oma nennt ihren Mann immer Papa.
Opa nickte. Hommmum!“ sagte er und nicke mit seinem Kopf. Seine Arme waren verschränkt. Ich mag den alten Herrn. Ich glaube, in seinem Kopf gehen tausend wichtigere Dinge durch den Kopf, als diese Höflichkeitsfloskeln. Er hatte viele aufregende Jahrzehnte hinter sich. Krieg, Armut, Arbeit, Revolutionen. Dinge, welche uns total unbekannt sind. Stets in sich gekehrt starrt er lieber auf die Tischplatte, als Gespräche über das Wetter zu führen. Für ihn gibt es nur noch seine Bienen. Bei ihnen muss er nicht gut hören können, bei ihnen muss er nicht anständige Verhaltensregeln beachten, auf die seine Frau so achtet. Dafür macht er den besten Honig der Welt. Denn er spricht mit seinen Bienen. Wenn er sonst mit niemanden mehr spricht, ihnen hat er immer was zu erzählen.
Und seine Bienen gehorchen ihm.





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