Nähzeiten

Eine Kundin entpuppte sich heute als ehemalige Klassenkameradin. Damals saß ich noch hinter der Nähmaschine. Tatsache.

Drei Jahre lang war ich Bekleidungstechniker. Drei Jahre lang zeichnete, entwarf und nähte ich Röcke, Shirts und Hemden. Ich war der einzige Bursche in der Klasse. Man(n), was hatte ich Vorteile.

Im ersten Jahr schämte ich mich, mit so vielen Mädchen in der Klasse zu sein. Früher, da war man noch spät pubertierend, da mochte man Mädchen auch noch mit 15 nicht. Dann kam das zweite Jahr. Die Chemiker, deren Klassen voll mit stinkenden und pickelnden Jungs gefüllt waren, ihre Lenden ständig schwitzen und die Hormone Hochzeiten feierten, wurden von Tag zu Tag neidischer auf meinen Stuhl im parfümierten und frischen Klassenzimmer. In den besten Zeiten war ich sogar mit ihnen in der Turnhalle. Und diese Mädchen spielten nur Handball. Alles klar? Handball. Mit T-Shirt und so. Zugegeben, es waren nicht alle Mädchen eine Augenweide, aber für mich war es trotzdem das Paradies. Ich verzichtete gerne auf das ewige Fußballtheater, welches in gebrochenem Deutsch stundenlang zu hören war.

Nach diesen Jahren wusste ich über Mädchen mehr Bescheid, als alle Achselhaarfreunde aus der Chemieabteilung zusammen. Genützt hat es mir schlussendlich aber trotzdem nicht viel. Aus mir wurde trotzdem kein Womanizer. Trotz Erfahrung.

Das ist jetzt über fünf Jahre her. Die Klassenkameradin studierte inzwischen in Belgien und ist nun Fashion Designer. Sie hat ihre eigenen Kollektionen und nähen muss sie auch nicht mehr. Das machen bereits andere für sie. Eine andere Klassenkameradin, so hab ich durch sie erfahren, ist Geschäftsleiterin einer großen Boutique und auch sehr erfolgreich in dieser Branche.

Vielleicht hätte ich der Branche doch treu bleiben sollen. Hätte die dicken Lehrerinnen nicht enttäuschen sollen, welche soviel Hoffnung in mich gesteckt haben. Hätte ein Harald Glööckler werden sollen.


Solverat | 16. April 2007 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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