Stromlos

Im Bad hing ein altes Plastikschränkchen. Ein hässliches beiges, mit einer integrierten Leuchtröhre. Wenn man auf einen Plastikknopf drückte, flackerte das Licht an.
Links und rechts davon hängen zwei kleine Holzregale, ziemlich neu, ziemlich schön. Aber das hässliche Plastikdings dazwischen musste raus. Als gestern Morgen auch noch die Lampe nicht mehr ging, war meine Entscheidung gefallen.

Nach der Arbeit gingen wir in den nächsten Baumarkt. Herr M. setzte sich eine Sonnenbrille auf und sah mit seiner verkratzten Fresse wie ein Schwerverbrecher der übelsten Sorte aus. Beim schnellen hinsehen könnte man meinen, er wäre der Lepra verfallen, beim zweiten Blick erkennt man dann die hässlichen Raufkratzer die mit Eiter und Kruste Hochzeit tanzen.

Die Kassiererin konnte den Blick von ihm gar nicht lassen und verhedderte sich mit dem Lesegerät. Als sie merkte, dass ich sie beobachtete wie sie ihn beobachtete, blickte sie peinlich berührt in die Luft. Ein sehr witziger Moment.

Der neue Schrank ist komplett aus Holz, der Spiegel kann geöffnet werden, dahinter sind ein paar Regale. Über dem Schrank leuchtet eine Lampe, dessen Gestänge aus Chrom hinter Glas gefasst wurde.  Naja, leuchten tat sie nur im Baumarkt. Zuhause ging erstmal gar nichts. Aber dazu später.

Mit einem lauten Krachen ging das alte Plastikschränkchen zu Boden. Ich löste die Schrauben, welche die Stromkabel aus der Fliesenwand mit dem Licht der Röhre zusammenschloss. Ein Stückchen Kabel war abgebrochen, deswegen ging wohl das Licht nicht mehr.

Herr M. war inzwischen wieder Sonnenbrillenfrei und trug stattdessen ein versetztes Flatcap mit einem Stern in der Mitte. Er  sah aus wie ein Freiheitskämpfer nach einer verlorenen Schlacht.
Mit Schlagbohrer und Staubsauger bewaffnet rückten wir an die Spiegelfront vor und schossen zwei klaffende Wunden in die Fliesen, welche wir sorgfältig mit Dübel verarzteten. Danach drehten wir die mitgelieferten Winkelschrauben in die Wand bis unsere Knochen knackten. Werkzeug? Pf!
Die Kabel ließen sich widerstandslos verbünden. Dreimal geschraubt und das Ding stand unter Strom. Natürlich probierten wir die Leuchte gar nicht aus und hingen lieber den Kasten gleich an die Wand und zogen die Feststellschrauben an. Vorher klaut man uns die Fliesen von der Wand, bevor dieses Teil abgebrochen wird, so gut haben wir das hinbekommen.

Herr M. ging siegessicher zum Stromkasten hinunter und legte die Schalter wieder um. Ich drückte fröhlich auf den Schalter, der das feine Spiegellicht aktivieren sollte. Doch es passierte nichts. „Scheiße! Verdammte Scheiße!“ Ich schrie. „140 Euro und das Teil ist kaputt.“ Herr M. kam wieder die Stiegen hochgesprungen. „Kontrollier mal die Steckdose.“ meinte er. Doch auch die ging nicht. Das neu gelegte Kabel lieferte keinen Strom.

Wir ließen es bleiben. Vielleicht würde ja über Nacht eine Versöhnung stattfinden und der Strom darf passieren. Ausserdem hatte ich Hunger und müde war ich auch.
Wir aßen selbstgemachte Pizza bei der Kleinen*. Herr M. leerte locker zehn Esslöffel Olivenöl über die, üppig mit Käse und Salami belegte Pizza. „Das zieht dann ins Brot rein!“ antwortete er auf unsere geekelten Blicke. „Das gute bei Olivenöl ist, dass das überschüssige Öl vom Körper im Schweiß abgesondert wird und man davon eine glatte Haut bekommt!“ Ich schüttelte den Kopf. Woher er auch immer diese Weisheiten hatte, ich habe davon noch nie etwas gehört. Die Kleine auch nicht. Sie grinste nur und blieb bei ihren Kroketten.

Heute Morgen entdeckte ich unter dem rechten Holzregal etwas sonderbares. Einen Schalter. Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich mir. Woher kommt jetzt dieser Schalter. Und wieso habe ich den nicht gestern gesehen?
Ich drückte drauf und der Spiegel erleuchtete mein verschlafenes Gesicht mit gleißendem Licht. „Ha!“ gurgelte es aus meiner Kehle. Das erste Wort am Morgen.

Als Hobbybastler stellen wir uns also gar nicht so blöd an. Das wir ein wenig blöd sind, dafür können wir ja nichts.

*Die Kleine wohnt im unteren Teil vom Haus. Den Sommer lang.


Solverat | 24. April 2007 | - Kategorie: History | Tags:,



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