Der Seestern am Krankenwagen

Ich hab´s gestern dann doch noch geschafft, das Haus zu verlassen. Zwar war ich nicht sehr motiviert, jedoch am Freitagabend zuhause zu sitzen war dann doch nicht möglich.

Um Mitternacht rum waren wir erst in der Kneipe. Ein Irish Pub. Es hatte vor kurzem erst eröffnet, der ganze Raum stank nach Terpentin.
Wir waren zu viert. Phil und seine Alte, Mooky und ich. Wir saßen ganz außen, ziemlich weit weg vom Geschehen. Phil war stark betrunken. Seine Alte auch. Phil verdrehte seinen Mund wenn er schrie. Und er schrie nur noch. Er hatte die Hände an der Tischkante und der Oberkörper lag darüber. Sein Kopf war etwa in der Mitte des Tisches. So konnte er uns alles erzählen, was er erzählen wollte, wir würden es nicht überhören.

Es ging um das Scheißhaus vom Antonio. Sie waren mal beim Antonio, der auch Katzn-tone genannt wird, wegen seiner Katze. "Das Klo ist aus Silent Hill nachgebaut!" meinte Mooky. Ich lachte laut. "Das Rohr, so schwarz und eingefressen, alles gelb und ekelhaft, wirklich, wie aus Silent Hill!" Phil stand auf und steckte sein Kopf so halb in sein Hemd. "So… so bin ich vor der Schüssel gestanden, aber ich hab nicht durchgehalten!" versuchter er zu erklären.
Es war mal einer beim Antonio, der sagte plötzlich, er müsse schnell runter die Autoreifen wechseln. Einfach so. In Wahrheit wollte er nur schnell raus, um sein Geschäft lieber in kalten Büschen zu erledigen, als auf einem Klo, bei dem die Schüssel schimmelt und das Katzenstreu mit Scheiße auf dem Boden herumliegt. Ich hab mich totgelacht. Gleich das Handy gezückt. Taggen.
Phil und seine Alte brechen auf. Ob sie schon nach Hause gehen würden, fragte ich. "Die Sau kommt jetzt zu mir!" schrie der besoffene Phil. Ich mag den Phil wenn er so besoffen schreit.

Nach diesem 3,80 € schwerem, schaumlosen Bier fühlte ich mich ein wenig besser. Der Abend könnte doch noch was werden. Wir gingen weiter.
Mooky, der an diesem Abend seinen Namen behielt ging es nicht so gut. "Fuck, is mir schlecht!" "Ach, zwei Bierchen und das wird schon!" stecke ich ihm zu. Nach zwei Bierchen war er dann doch weg. "Morgen wieder!" meinte er zum Abschluss. Außerdem war der Voltie da. Und der Mooky kann mit vielen. Aber nicht mit dem Voltie. Manchmal, aber meistens nicht.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mit Voltie durch das Lokal zu ziehen. Voltie ist ein geiziger Sack. Verdient gut, gibt aber nicht gerne aus. Das hab ich ihm dann auch gesagt, worauf er gleich zwei Shortie´s bestellte. Ich musste ihm einen Euro leihen.
Meine Schwester tauchte auf. Sie hatte einen klaren Blick. Frauen. Egal wieviel sie getrunken haben, ihr Blick bleibt stehts nüchtern wie der eines Totengräbers. Ich sagte ihr, dass ich mich langsam auf den Nachhauseweg machen wolle. Sie hatte gerade fünfundvierzig Euro für eine Taxifahrt von 14 km bezahlt. (Taxis in unserem Gefilde sind der absolute Dreckhaufen, Abzocker, Penner, Arbeitslose.) Die wollte nicht nach Hause. Sie bestellte zwei Shortie´s. Runter damit. Herr Alk machte es sich in meinem Körper bequem.

Voltie lachte über den tanzenden Emo mit gestreiftem Kapuzenpulli vor uns. Als er später näher kam, entpuppte er sich als Lehrling aus unserer Firma. "Und, Ste? Darf ich mal schnell grob über deine Schwester drüber?" Ich schluckte. Stellte das Bier ab und packte ihm am Kragen. "Sind deine Eltern Geschwister oder was?" wollt ich fragen. Hab ich aber nicht. Ich will den Spruch immer anbringen, sobald es aber soweit ist, vergesse ich ihn immer. Stattdessen sag ich ihm was ihn jetzt erwartet. Standpauke nämlich. Nach drei giftigen, sehr giftigen Sätzen verlass ich stocksauer das Lokal. Voltie mit.
Der Lehrling rannte hinterher. "Ste, he, Ste, komm schon… Es tut mir leid!" Ich ließ ihn ein wenig rumjammern. Dann hab ich ihm verziehen, dem Arschloch.

Als wir kurz vor der nächsten Diskothek waren, sah ich eine entfernte Menschentraube und ein Krankenwagen. Wir kamen näher und erkannten noch ein Krankenwagen. Der Eigentümer der Diskothek stand aufgeregt in der Mitte und zwirbelte seinen, mit Sorgfalt gewichsten Oberlippenbart. "Was isn hier los?" fragte ich ungeniert. "So ein Mädchen hatte einen Asthmaanfall!" erwiderte der Chef ohne mich anzuschauen. Er streckte seinen Kopf immer noch in Richtung des Krankenwagen, in dem nun die Verletzte vorsorgt wurde. Inzwischen zählte ich vier Krankenwagen. Entweder war unseren Krankenhäuser so langweilig oder der Anrufer hatte dem Notruf was von einem Massensterben erzählt. Ich entschied mich für das zweite als ich den Anrufer sah. Der klebte nämlich hinten am Krankenwagen. Mit gespreizten Beinen und festgekrallten Fingern stand er auf einem winzigem Vorsprung. Wie ein Seestern. Wie Patrick aus SpongeBob. Gleich blöd nur halt in schwarz. Das Problem an der Geschichte: Der Krankenwagen fuhr bereits. Sie sahen ihn nicht. "Der scheiß Franzos!" schrie der Chef. "Was?" fragte ich ihn. "Der wollt unbedingt mitfahren, hamse ihn aber nicht gelassen!" erklärte der Chef. Er zwirbelte aufgeregt. "Stockbesoffen ist der Typ!"
Für zweihundert Meter ging die Sache gut, dann rollte der Seestern auf die Straße und sah nun aus wie eine Seegurke. Jetzt haben sie ihn aber gesehen. Blaulicht an. Die anderen Krankenwagen knatterten los. Arbeit!


Solverat | 2. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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