Gefängnissgenosse

Hätt ich gestern fast eine aufs Maul bekommen, Alter!

Irgendwie musste mich gestern ein extrem aufmüpfiges Auftreten umhüllt haben. Es begann schon aufm Berg. Auf dem Berg steht ein altes Herrenhaus. Das untere Stockwerk gehört zu den Altnazis, offiziell dem Landeshauptschießstand Berg-Isel seit 1871. Das Stockwerk darüber ist ein Lokal in dem vierzehnjährige ihre Alternativen zeigen - meist in Form von Kleidung aus Opas Schrank - und den ersten Rausch erfahren. Wir gehen da trotzdem gerne hin. Erstens tun wir das schon seit Jahren, zweitens läuft da gute Musik und drittens kennen wir den Inhaber beim Namen. Dieser hatte mal ein Hund namens Sultan. Der war drei Meter groß und sabberte fünf Liter Sabber in der Stunde. Sultan ist jetzt tot.
Wir lümmelten uns an den Rand zu den Fenstersimsen, gleich neben der "Tanzfläche". Auf der steht normalerweise ein Billardtisch. Wenn dann mal eine unbekannte, alternative Band auftreten durfte, musste der Billardtisch weg. In letzter Zeit kamen viele solche Bands und der Inhaber hatte einfach keine Bock mehr, das schwere Teil rumzuschieben. Recht hat er. Nun ist da jetzt eben so ein Loch. Eine Tanzfläche.
Andy erzählte von einem Buch. "Es ist pervers. Es ist so pervers, dass du Angst bekommst." sagte er mit großen Augen. Ich lachte. "Wie hieß es gleich nochmal?" "Die 120 Tage von Sodom!" Ich zückte mein Handy. Taggen.

Ich ging zur Bar um mir noch ein Glas Bier zu holen. Als ich so an der Bar stehe, drückte sich ein pickliger Junge auf die Bar. Er trug ein weißes Muskelshirt und zuckte mit seinen Oberarmen. Er grinste mich an. Ich grinste zurück. Das war sein Stichwort. Kam ganz nach zu mir und würgte: "Na, hast ein Problem? Suchen wir Streit?" "Ich hab kein Problem und ich werde auch kein Problem kriegen!" keckte ich. "Was?" zuckten seine nackten Arme. "Wir können auch nach draußen gehen, du!" Immer dasselbe Schema, dacht ich. "Wenn man an meinem Arbeitsplatz erfährt, das ich einen 17 Jährigen verprügelt habe, bin ich meinen Job los. Ich kenne in diesem Raum aber bestimmt zwanzig Typen die für ein Bier dir die Fresse einschlagen. Ich rühr dich nicht an, glaub mir!" Während ich, mit ein wenig Stolz auf diesen Satz, schon die zwanzig Bier zusammen rechnete, verzog sich der Starke.
Mooky lachte, als ich ihm die Story erzählte. "Die zwanzig Typen hättest bestimmt gefunden, von denen wär aber keiner in der Lage gewesen, auch nur ein Schritt vor den anderen zu setzten!" Wie wahr.

Lokalwechsel. Ich bestelle irgendwas mit Gin. Eine Hand klopfte mir auf die Schulter und zeigt in eine Richtung, ich schau blöd hin und dreh mich zum Besitzer der hässlichen Hand zurück. Der hat den Finger aber ausgestreckt gelassen, alter Trick, bin voll reingefallen. Ich nahm einen Schluck und dachte nach. Dann fragte ich den Typ, der sich ein wenig nach hinten versteckte, ob er das witzig gefunden hätte. Wieder so ein Stichwort. Verdammt. Der Fingermann, Hubert Cumberdale* regte seinen Kopf hinter einem riesen Berg von Mensch. "Suchst du Stress?" fragte er mich. Mooky glotzte. Ich hatte ein wenig Schiss. Der Typ sah böse aus. "Nein, ich wollt nur fragen was das gerade eben sollte." Der Berg von Mensch hielt Hubert zurück. Mooky redete mit ihm. Ich glotzte und winkte einen Kollegen herbei. Nur so, weil ich nicht wusste was tun. Hubert ging zurück. Mooky nuschelte. "Der Typ war schon zweimal im Knast. Vergiss es, der sticht dich ab wenn´s sein muss!" "Ah!" stieß ich.
Hubert kam nochmal angeflogen. "Sei vorsichtig, auch wenn du zwei Köpfe größer bist als die anderen." Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Arme Seele. Was hat der nur für Probleme.

Hubert hatte also tatsächlich Absichten mich heute noch um´s Eck zu bringen, er gab keine Ruhe. Also zogen wir es vor, zu verschwinden. Ich glaub, ich trage nächste Woche lieber Latzhose mit Holzfällerhemd.

Auf dem Weg zum nächsten Schuppen tauchte eine kleine künstliche Eisfläche auf. Die musste probiert werden. Wie kleine Kinder schlitterten wir auf dem Eis herum und merkten erst zu spät, dass die Fläche mehrere Zentimeter hoch mit Tauwasser bedeckt war.

Cu-ba hieß die nächste Bar. Am Freitag läuft dort extrem HipHop. Wir hatten dort eigentlich nix verloren. Das ganze Lokal war gefüllt mit Afroamerikaner, Latinos und in weiß gehüllte Gangster. Gleich beim Eingang musste ich meine Jacke abgeben. Ein Handy klingelte, der Besitzer nahm ab und maulte: "Huhbublu. Ughbuuhluuhbul." Irgendwas auf Afrikanisch. Der Türsteher schrie: "Shhtt!" "HUbububl, duuguhulhuu!" raunzte es zurück. "Ja, sind wir denn hier im Dschungel!" kreischte der Türsteher. Ich prustete los. Ist ja nicht witzig, eigentlich. Aber, ein Türsteher, nein, ich konnte einfach nicht mehr. Ich hörte erst auf, als wir aus dem Lokal wieder raus waren.

* Name hab ich geändert


Solverat | 9. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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