Azubi unter der Erde

Montagmorgen.
Verzweifelt versuch ich meine Windschutzscheibe vom Eis zu befreien. Von innen. Innen ist bei mir das Eis, nicht außen. Ein sicheres Zeichen für das Ableben eines Fahrzeuges, hab ich mal gehört. Gleich schlecht wie Blauschwarzer Rauch aus dem Auspuff.

Ich bin auf dem Weg zur Firma. Handy schreit. Am Montagmorgen um 7.40 Uhr geht kein normales Handy. Kann nur einer von der Arbeit sein. Azubi/Lehrling Nr. 2 murmelt.
"Mir ist heute Nacht ein Zahn zersplittert. Ich geh mal eben zum Zahnarzt, könnte ein wenig später werden!" Mir wird übel. Nüchterner Magen und solche Nachrichten um diese Uhrzeit machen mir zu schaffen.
Schon am Donnerstag kam er zu mir und erfreute sein Umfeld mit trendiger Blässe. Er war so weiß, dass ich seinen Standort nur anhand seiner Kleidung feststellen konnte. Quasi durchsichtig war der schon. "Ich bin aufgestanden, hab drei Schritte gemacht, dann wurde mir plötzlich schlecht!" sagte er. Dünnes Blut, dacht ich. "Jaja, dann gehst nachher nach Hause und legst dich hin." bemitleide ich ihn fürsorglich. Er nickte und verschwand in Richtung WC, wo er dann eine Stunde lang blieb.

Als er heute ins Büro kam, hatte er ein zersplitterten Gesichtsausdruck. Wie sein Zahn. "Ich lass mich begraben, das hat ja kein Sinn mehr mit mir!" schwärzte er ironisch. "Dieses Jahr ist nicht gut, gar nicht gut!"


Solverat | 11. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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