Stress mit vielen S

Momentan ist der Stress ja wirklich der Teufel in Person.
Und in den letzten Tagen vor Weihnachten wetzt er nochmals kräftig die Hörner. Herr P. (mein Arbeitskollege gegenüber) und ich haben schon ein Whiteboard bestellt, denn es wurde langsam unübersichtlich mit den Aufträgen. Gestern wurde es geliefert. Stolz montierte ich es mit Hilfe unseres Hausmeisters und Alleskönner, dem Herrn Semsetin, ein sehr liebenswerter, türkischer Gastarbeiter im mittleren Alter, das Board an die Wand.
Ich war so stolz darauf, dass ich gleich ein "Zitat des Monats" kritzele.
"Wen man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!" Der Marker quietscht.
"Und schreib gleich den Abteilungsurlaub rauf!" mahnt Herr P. Ich schreibe. "Achtung: Vom 24.12 bis 03.01 Abteilung geschlossen!"
Ich bin zufrieden. Setz mich hin und glotz das Board an. Coole Sache, das.

Inzwischen ist das ganze Board schon vollgeschrieben. Rot, Blau, Schwarz und Grün. Wichtiges und Unwichtiges.

Der hintere Eingang für die Mitarbeiter besitzt schon seit zwei Jahren eine kaputte Klinke. Heute beauftragte der Boss Herrn Semsetin, die Türe in Ordnung zu bringen. Dieser ging in den nächsten Baumarkt und kaufte eine neue Klinke. Eine Stunde später hörten wir ein Hämmern und Bohren. Es wurde langsam kalt im Büro. "Mensch, wann ist denn der endlich fertig!" sagt Herr P. genervt. "Wenn er fertig ist, ist da statt einer Türe nur noch eine Plastikfolie!" scherzte ich. Man scherzt eigentlich nicht über Herr Semsetin. Er arbeitet gewissenhaft. So wie keiner hier. Ich geh raus um nachzusehen. "Hey Schemsi, na wie läufts!" klopf ich ihm auf die Schulter. Schemsi ist sein Spitzname. Hat er selbst kreiert. "Oh, geht scho!" sagt er. Die Türe steht sperrangelweit offen. Ein riesiges Loch prangt in der Türe. Ob das noch was wird?

Später, im Büro.
Herr P. dreht sich um und schaut aus dem Fenster. "Hoi, wohin will denn jetzt der Schemsi hin?" Ich schau verwundert. "Ja, der ist gerade mit dem Auto vorbeigerauscht!" antwortet Herr P. "Und wenn der ohne Abmelden abhaut, dann ist die Kacke am dampfen!" Ich lache. "Der fährt sicher nach Hause und hängt seine Haustüre aus!" Ich lache noch mehr. Der Herr Semsetin. Er würde niemals eine Fachkraft konsultieren. Das wird selber gemacht. Koste es  was es wolle.

Fast 17.00 Uhr. Die Arbeit ist träge. Zuhause wartet ein Kurzfilm von einer Fachhochschule, welchen ich vertonen sollte/darf. Ich sehne mich immer ein wenig danach, doch nach Feierabend bin ich dann ziemlich ausgelaugt und kreativlos. Die Arbeit geht nicht mehr so leicht von der Hand. Zudem plagt mich momentan mein linksseitiges, undefinierbares Herzproblem, welches mich schon überall hin begleitete, ohne Ergebnis.

Herr Semsetin ist inzwischen wieder aufgetaucht. Ohne Haustüre. Dafür mit einer neu bestellten Türklinke. "Tür war zu schmal, wir brauchen Klinke für draußen, weißt!" sagte er. "Sehr gut!" lach ich und nehme ein Schluck Kaffee. Vielleicht sollte ich lieber Tee trinken.


Solverat | 13. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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