Feiern mit dem Dicken

Freitag. Wochenende.
Schon seit ein paar Tagen steht bei Herr M. eine Palette Dosenbier im Regal, welche er jeden Tag hegte und pflegte, mit Freuden auf das Wochenende.
Freitag Abend. Endlich. War eine scheiß Woche, das.
Eigentlich war noch gar nicht Freitag Abend. Es war sechzehn Uhr. Aber als Disponent hat Herr M. am Freitag Nachmittag nicht mehr wirklich viel zu tun. So schrieb er mir, er würde mit seinem Boss noch auf ein Sprung den Weihnachtsmarkt in der Stadt besuchen. Ich soll um sieben dann bei ihm vorbeischauen. Palette Bier und Helge Schneider in Texas und danach wieder in die Stadt. So der Masterplan.

Als ich um sieben nebelumhüllt vor seiner Haustüre stand, waren die Fenster ziemlich dunkel. Zu dunkel. Ich klingelte, wie erwartet war niemand zuhause. Telefon raus.

Herr M. hatte schon ordentlich einen sitzen. Er würde im Lavazza Café hocken, sagte er mir. Als er merkte, dass er sich verspätet hat, maulte er gleich los. "Es ist erst zehn vor sieben. Komm schnell vorbei, ich zahl dir ein Bier!" "Wenn ich da rüberlauf brauch ich danach ein Schnapstee!" schimpfte ich. "Was Tee?" lallte Herr M. leicht durch das Telefon. "Komm jetzt, mein Chef ist auch noch da!"
Ich konnte ja nicht ahnen was da auf mich zukam. Ich betrat das ordentliche Café, Herr M. winkte mich in den hinteren Teil des Cafés. Als ich die zwei sah, musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Der Boss klemmte regelrecht zwischen dem Tisch und der Bank. Sein riesen Oberkörper lag zusammengefalten auf dem kleinen Tisch. Seine rechte Hand wurde von einer Armbanduhr richtig abgetrennt, es sah aus, als würde sie bald vom Gelenk spicken.
Beide hatten eine Optik, als hätten sie die größte Koksparty hinter sich. 19.00 Uhr. Ich gab dem Boss die Hand. "Tach!"

Schnell waren wir in Gesprächen verwickelt. Und in was für welche. Der Boss stammelte, nuschelte und lallte von seinem LKW. Von was auch sonst. Es war herrlich. Der Typ war mir auf der Stelle sympatisch. Ich meine, ich kenne ja schon ein paar Geschichten von Herr M. aber persönlich ist der hundertmal lustiger, der Erwin. War auch irgendwie klar, das der so heißen muss.
Als Herr M. dem Erwin erzählte, dass ich den Header auf seiner Website mal aktualisiert habe - ich hab einfach den LKW von dem Erwin reingebaut - guckte er mich an, hob seine Hand und streckte Daumen und Zeigefinger eng übereinander aus. "A bizile" - was soviel heißt wie "ein bisschen" - "Den LKW hättest a bizile weiter nach hoben schieben sollen, damit man die Reifen sieht!" sagte Erwin. Ich lachte. "Kein Problem, kann man jederzeit ändern!" Und endlich war das Thema gewechselt. Ich konnte ein wenig mitreden. Erwin erklärte mir eingängig, dass Herr M. seine rechte Hand sei und ohne ihn nichts laufen würde. Ich glaubte das sofort. Herr M. war ein guter Manipulator was das Reden betrifft. Solche falschen Hunde waren in der Dispo sehr beliebt, dachte ich freundlich.

Doch die Situation sollte sich bald ändern. Plötzlich tauchte ein dünner, falkengesichtiger Typ auf, der mir auf der Stelle unsympathisch war. Er hielt ein Bierglas in der Hand und grüßte. "Hey Erwin!" Er setzte sich. In Begleitung hatte er einen Jungen, auch schon Mitte Zwanzig aber mit einem Kindergesicht. Der Dünne hat mal beim Erwin gearbeitet. Jetzt sprudelte er was das Zeug hielt. Er hatte irgendwie keine Lippen, wenn er redete sah es aus, als ob man mit dem Messer sein Mund aufgeschnitten hätte. Ein schöner, glatter Schnitt.
Anscheinend, so Herr M. später, war er aber ein guter Disponent. "Am Telefon sieht dich keiner, da musst nur reden können!" klassifizierte er. Mag sein.

Herr M. hatte inzwischen einen eingeschlafenen Blick. Mühsam diskutierte er mit dem Dünnen. Das Kindergesicht mischte sich ab und zu ein und erzählte von seinem äußerst wichtigem Beruf. "2 200 verdien ich jetzt als Elektriker und ich bin zufrieden" pseudofachsimpelte er. Wie der zu dem Dünnen passte. Erwin gähnte künstlich und grinste mich an.

Mit größter Müh schafften wir es dann eine Stunde später aus dem Café zu entkommen. Wir verabschiedeten uns vom Boss und gingen zurück.
Herr M. war komplett besoffen. Er stammelte Disposcheiße und schrie manchmal Zitate. Als wir bei ihm waren, ging er in die Küche. "Mal was zum fressen machen!" Ich schob die Texas DVD in den Player. Eine gute Dose Bier wurde auch geöffnet.
M. kam mit zwei Tellern zurück. 3 kalt geschälte Kartoffeln, 4 kalte Fischstäbchen. Mit viel Ketchup und Senf. Lecker.

Nach 15 Minuten Film kippte Herr M. mit seinem Oberkörper zurück und pennte ein. So ein Idiot. Für den Rest vom Film lachte ich extra laut, damit er vielleicht wieder zu Bewusst sein kommen würde. Unmöglich.

Erst nach zwei Stunden kam er wieder zu sich. Ich wollte eigentlich schon abhauen, noch ein Sprung in die Stadt, als er aufsprang und sich eine Jacke anzog. Er war bleich und total verpennt. Auf dem Weg zur Stadt versuchte er im Gehen seine Jacke zu schließen. Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen merkte er, dass er zwei Jacken anhatte. Der war vielleicht durch den Wind.

Nach einem Bier in einem halbgefüllten Lokal und einem Döner danach war der Abend auch gelaufen.

Heute Abend wird Herr M. als Bassist auf einem Konzert spielen. Und das wird nix, das weiß ich.


Solverat | 16. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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