Herr Semsetin kauft künstig

Kurz vor Feierabend kam Herr Semsetin zu uns ins Büro um noch ein kleines Schwätzchen zu halten. Ob er noch lange hat, fragte ich ihn. "Oh, weisch. Was i heut net fertig mach, muss i morga macha!"
Er lehnte sich gegen den Büroschrank. Sein Red Bull Pulli spannte ein wenig über seinen Bierbauch, welcher gar kein Bierbauch ist. "Teebauch" nennt er ihn. Vom heimlich Rakisaufen kommt das, scherz ich manchmal. Herr Semsetin trinkt nicht, aber essen tut er gern.

"Mhmm, dein gefälschter Red Bull Pulli!" neckte Herr P. "Man erkennt, das er nicht echt ist!"
Herr Semsetin guckt argwöhnisch. "Was? Wo?"
"Er ist schon eingegangen!" grinste Herr P. Herr Semsetin verdeckt sein Teebauch mit der linken Hand. "Nana!" Ich lache und zupf unbemerkt mein T-Shirt ein wenig nach unten. "Nana! Das ist echt!" murmelte Herr Semsetin. "Echt? Echt aus dem Kofferraum gekauft, oder?" lachte Herr P. Ich prustete los. Schemsi lacht auch. "Haha! Na, Na! Echter Pulli!"

Jeden Sommer, gegen Ende August, kommt Herr Semsetin vom Urlaub zurück. Er bekommt als einziger Mitarbeiter drei Wochen am Stück frei, damit er seine Familie in der Türkei besuchen kann. Wenn er an diesem Tag dann immer die Firma betritt, glitzert und glänzt er in einer riesen Pracht von neuen Klamotten.
Turnschuhe von Nike, Jeanshose von Levis, T-Shirt von Adidas, Uhr von Breitling. Braungebrannt, adrett gekleidet und mit einer guten Figur. "Nix echt! Alles fünf Euro!" strahlt Herr Semsetin, wenn man ihn auf seinen neuen Look anspricht. "Aber du findest nix Unterschied!"
Verzweifelt versuchen wir dann immer ein Hinweis auf eine Fälschung zu finden. Herr Semsetin gewinnt dieses Spiel immer. "Weisch, findesch nix, isch wie echt! Aber alles nur fünf Euro!"
Die darauffolgenden paar Tage stolziert Herr Semsetin dann wie ein König aufrecht durch die Gänge. Solange bis das türkise T-Shirt nach dem zweiten Mal waschen auf Kindergröße geschrumpft ist und die Farbe keine Farbe mehr ist. Dann spannt das Shirt und seine Teekugel kommt wieder zur Geltung.
Herr Semsetin sieht man danach nicht mehr so oft. Höchstens beim Kaffeeautomaten oder in seiner Abteilung. Oder er kommt auf ein Schwätzchen in unser Büro. So wie heute.


Solverat | 18. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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