Die Platte und der Düsenjet

Alle paar Monate taucht bei uns ein Techniker auf. Er betreut unser Andrucksystem und kommt auch so gern auf ein Kaffee vorbei. Schließlich liebt er es, sein Fachwissen unter die Leute zu bringen.

"Es ist mir eine Ehre!" sagt er jedesmal zu Beginn mit seinem gemütlichen Wiener Dialekt. Seine Frisur ist frisch aus dem Kissen geformt, sein kleiner Oberkörper immer leicht nach vorne gebeugt.
Vor einem Monat erzählte ich ihm von meiner kaputten Festplatte. Sie war im lesenden Zustand von ca. einem Meter auf den Boden geknallt. Herr M. glotzte blöd, ich glotzte blöd. Dann schrie ich. Ich hasse Sicherungen und auf dieser Platte waren sämtliche Webprojekte, alle Rohdaten und jedes Musikstück. Jedes und Alles.

"Oje!" seufzte der Techniker. "Do konnst da sicher sain, di is hin!" "Du musst dir vorstellen, jo. Also so hat ma mir das erklärt, als ma noch die großen Platten hatten!" Er formte mit seinen Händen einen Kreis. "Also, die wirglich grossn. Da muss man sich vorstellen, die Köpfe in der Festplottn, die sind so eng über den Scheiben, man kann es mit einem Düsenjet vergleichen, der mit voller Geschwindigeit über einen frisch gemähten Rasen fegt!" Er schaut mich groß an. "Do konnst dir vorstölln, was das für ein Lärm mocht, wenn do an Ziegelstein im Weg is!" Ich fand das ein Supervergleich. Er hätte Lehrer werden sollen.
"I hob scho viele Festplotten aufgmacht. Und ans kann i dir sagn: Die kriegst nimma zam!"

Heute kam er wieder vorbei. Routine. "Und?" fragte er mich, als er mich sah. "Host die Festplotten scho zur Reparatur gebn?" "Nein, ich wart noch zehn Jahre bis das günstiger ist!" antwortete ich. Er grinste.
Als er am späten Nachmittag sich dann verabschiedete, drückte er uns ein Marmeladenglas und ein Fläschchen, gefüllt mit Punsch, in die Hand. Den Punsch für mich, die Marmelade für Herrn P.
Er wünschte uns alles Gute, einen guten Rutsch und ging Richtung Ausgang. Herr P. begleitete ihn. Zwei Minuten später kam er ins Büro zurück, beide Hände in der Luft, in jeder ein Fläschchen Hochprozentigen. "Seine ganze Karre ist voll damit!" lachte er glücklich. Ich lachte auch.

Unser Tisch ähnelt inzwischen einem Spirituosenladen aus Russland. Wird Zeit, mal aufzuräumen.
Wir planten den Rest der Woche. Morgen ein bisschen noch, übermorgen auch noch ein bisschen und am Freitag dann Weihnachtsfeier. Die berüchtigte Weihnachtsfeier.


Solverat | 19. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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