Abschied mit Fleisch!

Am Dienstag Abend verabschiedeten wir uns von Thomas.
Thomas kenne ich durch Herrn M. Er ist tatsächlich eine Bereicherung.
Hatte er uns doch in den letzten Monaten viel Anstand und Neues gezeigt. So zum Beispiel die Whiskeyverköstigung in schottisch, englischer Manier.

Einmal im Monat trafen wir uns bei ihm und zelebrierten einen strengen Brauch, den ich bisher nicht kannte.
Seine Wohnung gleicht einem Museum. Von der Besenkammer angefangen, die zu einer Bibliothek umgebaut wurde, bis hin zum Schlafzimmer, in dessen Schränke tausend Jahre altes, chinesisches Geschirr steht, ist alles ein bisschen anders als anderswo. Gleich beim Eingang hängt eine Urkunde an der Wand. "Antiquitätenkunde mit Humboldt erfolgreich abgeschlossen" steht drauf.
Der Tisch war englisch dekoriert, in jedem Glas steckte ein A4 Blatt für die spätere Whiskeybeurteilung. Alles hatte seinen Plan. Pünktlich um 7.00 Uhr zur Schottischen Zeit wurde eingeläutet. Selbstverständlich tickte die Wanduhr ebenfalls nach schottischer Sekunde. Bevor es losging musste einer von uns aber erst aus einem kleinen, alten Büchlein einen schottischen Absatz vorlesen. Selten, das dies jemand fehlerfrei bezwang.
Während wir dann Grasbrot mit Hummersuppe aßen, lief im Hintergrund klassische Musik. Dann begann das Verköstigen. An Spitzentagen bis zu 23 Sorten. Ich war nicht besonders gut darin, während Phil und Herr M. sich niemals etwas entgehen ließen. Noch schwieriger für mich war die Beurteilung. Erdig, Fruchtig, Korkig, Frucht-Fraktionen, und und und… ich hatte keinen Plan. Nach der 3. Sorte malte ich auf die Rückseite Garfield Comics, während die anderen eifrig die richtige Bestimmung suchten.
Dementsprechend waren ihr Blicke dann auch zur schottischer Mitternacht. Wie der des rothaarigen Schulwarts aus den Simpsons. Unsere Bäuche waren vollgeschlagen, die Sinne getrübt. Das hieß aber noch lange nicht, dass man die Tradition vernachlässigen durfte. Kurz vor Zwölf verschwand Thomas in sein Wohnzimmer. Man hörte dann Spulgeräusche am CD Player. Dann Fluchen. Dann wieder Spulen. Zwei Minuten später stand er dann wieder strahlend mit uns am Tisch und erhob das Glas. Im Hintergrund krachte die "Tschaikowsky Ouvertüre 1812" aus den Boxen. Und um Punkt Zwölf dann, wenn er richtig gespult hatte, läutete der Höhepunkt ein und wir stoßen unsere Gläser mit einem lauten und schottischem "Slainte" an.

Danach ging es dann nur noch bergab. Der letzte Tropfen aus der "Familienreserve", wie Thomas immer gerne sagte, war getrunken und der Gesprächsstoff wurde langsam geisteskrank. Eigentlich nicht nur der Gesprächsstoff. So lag ich einmal in der winzigen Bibliothek und blätterte ein riesengroßes, uraltes, vermodertes Buch indem alle klassischen Musikarten verzeichnet waren. Ich las die Noten und versuchte sie nachzusummen. Obwohl ich das gar nicht kann - nach Noten pfeifen. Vor allem keine Klassischen. Egal, der Whiskey machte mich an diesen Abenden immer zu einem Top Komponisten.

Thomas zieht sich nun über die Weihnachtstage zurück in den Osten von Österreich. In sein Heimatdorf. So trafen wir uns am Dienstag Abend in einem Steakhaus. Wir wollten endlich einmal seiner Gastfreundschaft entgegenkommen und ein ordentliches Essen übernehmen. Thomas kam um halb elf in Anzug und Mantel. Direkt von seiner Weihnachtsfeier. "Bin ich froh, das ich von denen Typen weg bin!" schnorrte er.
Leider hatte er dort schon gegessen und mehr als ein Glas Wein konnten wir ihm dann nicht mehr anbieten.
So unterhielten wir uns zwei, drei Stunden herrlich anständig und zogen in Sachen Manieren alle Register. Irgendwie musste man das, wenn Thomas dabeisaß. Der strahlt eine Art Höflichkeit und Eleganz aus, dass man selbst ganz höfflich und elegant wird. Der Englische Anstand mit dem schottischen Trinkverhalten. Wie gesagt, das hat was gutes. Als es langsam spät wurde, zog Thomas drei Kuverts aus seiner Manteltasche. "to Stefan" stand auf meinem. "Aber erst am 24. aufmachen!" mahnte er. Verdammt. Gegessen hat er schon und jetzt hat er auch noch Weihnachtsgeschenke für uns. Und wir? Wir hatten gar nix. Ich rülpste. Das durfte man. Ist normal in Schottland. Und dort wo Thomas ist, ist Schottland. "God save the Queen!" sagte er zum Abschluss.

Ein Spitzentyp ist das.


Solverat | 21. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



Verwandte Beiträge: