Die Kaserne

Die Bierbar war zum Bersten voll. Die Studenten aus Wien sind über die Weihnachtstage bei ihren Familien in Vorarlberg und am Abend treffen sie dann ihre alten Freunde in diversen Lokalen. Auch in der Bierbar. Ich schüttelte ein paar Hände, fragte oberflächlich nach dem Wohlbefinden und steuerte auf die Ausschenke zu. Die Typen hinter der Bar waren rotzbesoffen. Wie immer halt, ab zweiundzwanzig Uhr. "Schmeiss die Jacke nach hinten!" lallte der jüngere. Er ist eigentlich auch Student, aber wenn er Zeit findet arbeit er gerne hinter der Bar.
Man kennt die Jungs, hier hat schon jeder das ein oder andere Feierabendbier zuviel getrunken. Weiter hinten erkenne ich den Sänger von Herr M. seiner Band. Sänger darf man ja eigentlich nicht sagen, aber des Frieden Willens belasse ich das mal so. Der Typ hat ein Rad ab. Ein Blick wie ein frisch geweihter Scientologe, eine Redensart wie ein Irrer. Er hatte seine Alte dabei. Achtzehn vielleicht. "Der Typ ist verrückt, aber cool!" sagt Herr M. immer.

Die ersten Jägermeister wurden getrunken. Eine große Blonde stand dicht neben mir, ich hab kurzen Blickkontakt mit ihr. Nicht hässlich aber irgendetwas gefiel mir nicht. Der Sänger wollte auch eine Runde Jägermeister zahlen und zückte seine Geldtasche. "Hier, geh was anständiges holen!" prügelte er mit starrem Blick. Herr M. zog los und kam die nächste halbe Stunde nicht mehr.
Ich zwängte mich in dieser Zeit, immer noch irritiert von diesem Horrorblick, zwischen den Sänger und seiner Alten. Besser gesagt, ich zwängte mich hinter sie. Die Tische stehen hier sehr eng nebeneinander und erlauben fast keine Doppelbesetzung. Also saß der Sänger auf einem Hocker mit dem Rücken zur Wand, seine Alte saß gegenüber ihm, mit dem Rücken zu mir und abschließend stand da ich. Und die Alte machte auch keine Anstalten, ihren Rücken ein wenig zur Seite zu drehen, um mich in ihren geisteskranken Gesprächskreis aufzunehmen. Nein, stattdessen stand ich doggystylisch hinter ihr. Ihr Oberkörper war soweit nach vorn gelehnt, ich hätte mein Bier auf ihrem Rücken abstellen können. Null Anstand hatte die.
Die große Blonde glotzte wieder ein wenig zu mir rüber. Wir werden nie miteinander reden, dacht ich mir. Und falls du das hier jetzt lesen solltest, dann musst du wissen, dass ich prinzipiell keine Frauen anspreche. Ich kann das nicht. Was soll ich denn auch sagen? "Hallo! Hab heute einen RSS Feeder in Myspace eingebaut, geil oder?" oder "Ich werde morgen über dich schreiben, das glaubst du nicht, oder?" Ich rede höchstens wenn ich besoffen bin, aber dann willst du nichts mit mir zu tun haben, glaub mir.

Herr M. tauchte wieder auf und quetsche sich an den Tisch. "Nach dem Bier hauen wir ab, ich kann die ganzen Fressen nicht mehr sehen!" schnauzte er. Zu Recht.
Heute war Party in der Kaserne. Früher waren da auch Soldaten drin, heute werden die großen Räume für alles mögliche verwendet. "Ich frag schnell, ob wir ein Kellerbier mit auf den Weg nehmen dürfen!" Gute Idee, schließlich sind es ein paar Kilometer zum Laufen. Und wer trinkt bei diesen Minustemperaturen nicht gerne eine gutes, kaltes Kellerbier? "Scheiß auf Taxi, ich geb kein Euro für ein Taxi aus!" mault Herr M., als Phil danach fragte.

Wir liefen am See entlang. Mein Kellerbier dampfte ein wenig, mein Atem auch. Wir sprachen über den Islam und über das Christentum. Politische Gespräche mit Kellerbier und arschkalter Seeluft. Ein Buch sollt ich darüber schreiben.
Die Kaserne war gut besucht. Eine Filmpräsentation von waghalsigen Snowboardern, wie ich später erfuhr. Viele Menschen hier waren seltsam. Ein Herr um die dreißig saß auf einem Stuhl, welcher einzeln an der Wand stand. Daneben eine Lampe. Er hatte eine sehr hohe Stirn und lichtes, mittellanges Haar. Seine Beine waren übereinander geschlagen. Seine linke Hand lag über der Lehne, seine Finger schlugen im Takt der Musik auf das Leder. "Das ist ein Grafiker. Wie kultig sieht der aus!" meinte Herr M. Aus Herr M. wurde langsam wieder Kalle. Der Alk. "Nein!" antwortete ich "Das muss ein Programmierer sein!" Ein Mädchen, welches gerade neben uns stand, zwanzig, nicht älter, sehr hübsch, ging auf den Mann im Stuhl zu und saß sich auf die Lehne. Entweder war es ein erfolgreicher Programmierer, es war ihr Vater oder ein reicher, einflussreicher Mafiosi. Ich konnte es nicht sagen.

Sowieso waren hier Mädels ohne Ende. Andi kam angelaufen. Beim Andi kann man nicht erkennen, ob er jetzt betrunken ist, mit Drogen vollgestopft oder sonst was. Denn der wacht so auf. Hat die Augen komplett aufgerissen, grinst immer. Von Morgens bis Abends. Sehr lustig. "Bin grad auf der Jagd nach ein paar Bunnis." fachsimpelte er. Bunnis gab es hier wirklich genug. "Hier sind nur Grafiker!" staunte Kalle. Was hat denn der mit den Grafikern. Ich mein, ich bin kein wirklicher Grafiker, aber so heruntergekommen schau ich jetzt auch wieder nicht aus. "Das sind einfach nur drogensüchtige Penner!" murrte ich.

Ein wenig gelangweilt laufen wir vom einen Ende ans andere. Dazwischen treffen wir ein paar. Besonders Kalle. Betrunken kennt der alle, der Kalle. Wir waren plötzlich zu dritt, ich erzählte die Geschichte von Pixelotto. Immer interessant. Dann machte ich einen Blondinenwitz. Auch interessant.
Manchmal sah ich Andi neben ein paar Damen, mit großen Augen wild am gestikulieren. Lustig.

Ich merkte wie König Alkohol mir die Stimmung vermieste. Ich hielt es also für das Beste, ohne Abmeldung das Weite zu suchen. Ich rief ein Taxi und fuhr in die Stadt. Einmal Pizza Speciale. "Dreimal Pizza Salami und eine Cola?" versuchte Ali zu scherzen. Man kennt den Ali, macht immer ein paar unlustige Witze. Ich mag den Kerl wirklich. "Nein, einmal Pizza Speciale!" lallte ich ein wenig ernst. "Ahhh, zweimal Pizza Fungi und keine Cola!" versuchte er es weiter. Verdammte scheiße, wenn ich besoffen bin kann ich auf solche nicht reimende Witze nicht lachen. Ich will umfallen und schlafen. Und zwar mit der Pizzaschachtel in der Hand. "Hrfumpf!" mach ich. Ali erkannte den Status und reichte die Bestellung an den Pizzabäcker weiter. Dieser war das genaue Gegenteil von Ali. Seine goldige Halskette wackelte angestrengt vom Teigkneten. Er fletschte sogar die Zähne. Ein wenig Humor von Ali abschneiden, auf die Pizza und in den Magen vom Pizzabäcker. Ja, das wäre die richtige Mischung.

So gut es ging, beobachtete ich den Bäcker beim Pizza backen. Nicht das ich was von seinem Grant auf meiner Pizza finde. Das würde mir noch fehlen, nach so einem beschissenem Abend.


Solverat | 26. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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