Der Abend unter Jungen

Doch noch überwunden zu schreiben. Nach vierzehn Kaffees.

Gestern gingen wir noch auf Achse. Als erstes erklommen wir das Berg-Isel. Durch ein Flyer war Elektrik Night versprochen worden und musste von uns unbedingt angehört werden. Mittlerweile ist es selten geworden, dass DJ´s von auswärts ihre Platten auflegten, denn normalerweise dominieren mittlerweile sehr junge Rockabillys an den Plattenspieler. Die sind momentan sowieso überall, die Rockabillys. Hinzu kommt noch, dass der Eigentümer vom Isel auch gerne auflegt, besonders wenn er betrunken ist. Dann geht´s ab, mein lieber Scholli. Dann wird noch alte Schule aufgelegt. Da staunen die Kids wenn er Dj Aphrodite aus den Boxen blasen lässt.
Wir gingen an die Bar. Eine neue stand hinter dem Tresen. Sie hatte wenige Zentimeter kurze Haare und war spindeldürr. Meine Lieblingsbarfrau, ich auch immer wieder gerne wegen ihr hierher kam, konnte ich nirgendwo finden. Ich bestellte zwei große offene. Gleich neben der Bar war ein Brett an die Wand genagelt, auf das man Bier stellen konnte, eine Wandbar sozusagen. Wir saßen uns auf zwei Hocker. Ich sah auf die Uhr. Neun. Die Tische waren voll mit Teenager. Vielleicht auch jünger, älter als sechzehn war hier aber keiner.
"Wenn man uns hier sieht!" spöttelte Herr M. "Wo sind nur die ganzen Studenten?" antwortete ich. Herr M., der durch den dröhnenden Basslärm nicht richtig verstanden hatte meinte, "Ne, hier sind alle zusammen noch keine Studenten. Zumindest nicht die nächsten zehn Jahre!" Ich nickte zustimmend. Man musste wirklich aufpassen, wo man hinguckte. Das erste Bier ging gut, ich bestellte ein zweites. Der Raum füllte sich langsam, auch mit nicht so jungen Teenagern. Neben uns an der Wandbar entstand ein kleiner Kreis von heruntergekommen Junkies, wir kennen sie alle vom sehen. Ein Afro-Amerikaner - darf man das so schreiben? Oder ist Schwarzer korrekter? - und noch drei weitere, verwahrloste Typen waren mit von der Partie.

Einer von den dreien hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, im Winter sieht man solche Gestalten ja sowieso nicht so oft. Vor zwei Jahren hatte er bei den Bregenzer Festspiele einen Kontrabass gestohlen und ihn an den See geschleppt. Dort hat er in seinem zugedröhnten Zustand ein Konzert gegeben. Angeblich habe er auch ein wenig Geld zugesteckt bekommen. Einem ist es dann aber doch ein wenig komisch vorgekommen, dass so ein stehengebliebener Hippie ein 20.000 Euro teurer, 150 Jahre alten Kontrabass am See vergewaltigt und rief die Polizei.
Damals war der Hippie noch von guter Statur, ich sah ihn öfters am See rumliegen. Gestern Abend musste ich dann schon zweimal die Augen kneifen. Bestimmt hatte der 70 Kilo zugenommen. Sein Gesicht war blass und aufgeschwollen, sein Körper kugelrund. "Scheiße, ist der fett geworden!" staunt Herr M. "Drogen, Fressen und rumliegen, dann schaust plötzlich so aus!" erklärte er.

Die Musik wechselte plötzlich zu Usher, ich konnte nicht erklären warum. Hätte doch Elektrik Night werden sollen. Plötzlich tauchte die Rothaarige auf. Schräges Mädchen mit einer Wahnsinns Mähne aus leuchtendem Rot. Wir kennen sie flüchtig, wirklich reden will mit ihr keiner von uns. Sie stand neben uns und warf Herr M. ein paar Wortfetzen an den Kopf. Ich stellte mein Bier ab und verabschiede mich aufs WC. Im Spiegel sah ich, wie eine riesen Schuppe an meiner linken Augenbraue klebte. Fluchend, dass der Penner von M. mir nichts gesagt hatte, wusch ich mir mein Gesicht mit eiskaltem Wasser. Warmes gibt es hier oben nicht.
Als ich wieder oben war, klopfte Herr M. mir auf die Schulter. Er musste auch mal. Ich setzte mich grinsend hin. "Wie beim Speeddating, was?" witzelte ich. Die Rothaarige verstand nicht und glotzte. "Wie beim Speeddating, so schnell wie sich dein Gesprächspartner gerade wechselt!" erklärte ich ihr. Sie lächelte müde. Egal, ich bestellte noch ein Bier.

Die Musik wurde gegen elf besser, ich glaube die Elektronik Night begann auch erst dann, wir gingen aber trotzdem. Auf ein schnelles in der Bierbar, dann weiter ins Einklang. Einklang macht bald zu, recht so, ist sowieso nur noch ein Rockabilly Schuppen. Wir stellten uns an die Wand zu ein paar oberflächlichen Bekanntschaften. Ich spielte mit dem Gedanken, nach Hause zu gehen. Vielleicht vorher noch eine leckere Pizza von Ali. Herr M. musste am nächsten Tag arbeiten, die große Party war hier sowieso nicht mehr. Die Rothaarige kam wieder zu uns, mit drei Shorties in der Hand. Wortlos stoßen wir an und leerten das Zeug runter. Sie stand ein Weilchen neben uns, weil wir mit ihr aber nicht sprachen, ging sie wieder. Herr M. fühlte sich ein wenig unwohl. "Das können wir nicht machen. Die zahlt uns was zu trinken und wir benehmen uns wie vierzehnjährige!" Recht hatte er. "Wenigstens bedanken könnten wir uns. Gleich mit der Hassfahne wehen muss nicht sein!"

Ein Disponentenkollege von ihm tauchte auf. In Begleitung einer attraktiven Dame. Sehr attraktiv. Sie begrüßten uns und gingen weiter. "So, jetzt hau ich aber langsam ab!" läutete ich ein. "Hier passiert nichts mehr!"
"Nana, wir trinken jetzt noch ein Green Nigger! Jetzt wird nicht gegangen!" Ein Green Trigger ist ein Cocktail, die rassistische Abwandlung entstand in den Stunden geistiger Abwesenheit durch den Alkohol. "Nein, ich hab keine Kohle mehr für sowas!" Ich suchte nach Ausreden. Mein Heißhunger auf eine Pizza Speciale stieg von Minute zu Minute.
Es hatte keine Zweck. Fünf Minuten später standen wir wieder drüben, schlürfend mit einem Green Nigger in der Hand. Plötzlich tauchte ein ehemaliger Militärkamerade auf. Das bedeutet niemals was gutes, schließlich ist das ein Grund zum saufen. Besonders bei dem. Der war nämlich schon rotzbesoffen. Bevor es dann aber zu einer Alkohol-Eskapade kam, verabschiedete ich mich rechtzeitig. Im richtigen Moment, während der Kamerad am pissen war.

Heute Nacht hab ich schlecht gepennt, einmal stand ich auf und trank zwei Liter Wasser, mir war hundeelend. Die Zeiten, in denen mein Körper zwei-Uhr-nachts-Pizzen erlaubt, sind langsam wirklich vorbei.


Solverat | 29. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:,



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