Manchmal

Manchmal, so denk ich mir, wäre ein anderes Leben besser.
Ein Leben, in dem ich am Freitag Abend alleine ins Kino fahre und mir ein Film ansehe. Im Filmforum, wo man nicht weiß was gerade läuft. Mit ein paar Filmfreaks, welche sich nicht eine Sekunde um ihr äußeres kümmern, dafür aber jedes Gefühl und Hintergrundwissen eines Filmes kennen und zum Ausdruck bringen können. Sich stundenlang über Mimiken und Gestikulationen unterhalten.
Am Samstag Abend würd ich dann zu einer Pommesbude laufen und eine Currywurst essen. Dabei wechsle ich mit dem Inhaber, welchen ich beim Namen kenne, ein paar Worte. Ich schau bei ihm ein bisschen in den kleinen schwarzweiß TV, der an der Decke festgeschraubt ist. Dann verabschiede ich mich, geh ich nach Hause und habe Sex mit der kleinen aus dem Filmforum. Sie hat schwarzes Haar und sieht immer zu Boden. Sie redet sehr wenig, doch wenn man sie kennt lacht sie süß und weiß alles über Filme und Musik. Mit ihr kann man am Piano sitzen und gedankenverloren Tasten drücken. Man kann neben ihr ein paar Zeilen aus einem Buch lesen, während sie verkehrt herum im Stuhl sitzt und die Decke anstarrt. Jede Woche. Und die anderen interessieren mich nicht, weil es ja auch sehr wenige andere gibt.

Ja.
Und warum ich das schreibe? Weil mich das Affentheater doch wirklich mal nervt.
Zuerst war es die Aufgabe in der nächsten Stadt eine Tiefgarage zu finden. In einer ist nämlich ein Lokal integriert. Ich irrte in drei verschiedenen Tiefgaragen umher, die Kameras hatten mich bestimmt schon als potentieller Autodieb im Visier, bevor ich mit telefonischer Hilfe zu einer weißen Türe gelotst wurde. Dahinter war ein niedriger, quadratischer Raum. Die Mitte bildete eine viereckige, zu allen Seiten offene Bar. Ein kleines Bier, 0,35 Liter kostet dort sage und schreibe 3,10 Euro. Man hatte hier also drei Möglichkeiten. Entweder man betritt die Bar sehr besoffen und erst sehr spät, man drückt sich irgendwelche Pillen rein, oder man kommt total nüchtern weil man ein Zuhälter, ein Dealer oder einfach nur reich ist. Eins von diesen drei muss man sich vorher aussuchen. Es war jede Möglichkeit stark vertreten. Besonders die zweite mit der dritten vermischt. Faltige Gesichter mit Puppen an beiden Seiten. Schwarze Augenringe im noblen Anzug und schnipsenden Fingern.

Die Frau Schmidt war mit ihrer Freundin auch vertreten. Ich hatte mein zweites Bier in der Hand und rechnete sogleich nach, wieviel Geld ich brauchen würde, um hier drin besoffen zu werden. Die Rechnung ging nicht auf, ich hatte Lust zu gehen.
Für die sechs Euro Eintritt legte gegen Mitternacht ein renommierter FM4 Radio DJ seine Platten auf. Ich knickte ein wenig mein linkes Knie, ein Symbol dafür, dass mir diese Mucke gefiel. Und immer wieder stellte ich fest, wie fehl am Platz ich war. Herrschaftszeiten, komplett falsch war ich! Die Mädels tanzten den Boden fast einen Meter tiefer, die Jungs waren waren so schick gekleidet, als kämen sie direkt von einer Haute Couture Show, bei der sie die Hälfte geklaut haben. Ich in meinem schussligen Prêt-à-porter Look fühlte mich deplatziert. Mein Tanzbein zeigt sich vor einem halben Liter Schnaps nicht, ich würde hier auch niemals betrunken tanzen. Bestimmt hätte mich sofort ein Drogenbaron gleich rausgekauft, wenn ich versucht hätte, seine Puppen anzugraben. Wie sagte Herr T. mal so schön: "Dann wachst du plötzlich auf, nackt im Wald, mit Lebkuchenbrösel auf der Brust. Und du weißt verdammt noch mal nicht warum!"

So stand ich lieber mit einer Hand in der Hosentasche an der Barkante und leerte das kleine Bierchen. Kurz vor eins wurde es mir dann zu bunt. Bis auf mich amüsierte sich hier alles, stellte ich selbstbemitleidend fest. Herr M. schüttelte den Kopf. "Spinnst jetzt, was willst in Bregenz?" Ich wusste es selber nicht, deswegen verschwand ich diesmal ohne Ausreden.

Dreißig Euro knöpfte mir der Taxifahrer ab. Für zwanzig Kilometer. Dieser Abend stand wieder einmal unter keinem guten Stern. Ich stieg im Berg Isel aus, die Studenten aus Wien waren hier oben zu finden. Wie nicht anders zu erwarten, war ihnen König Alkohol kräftig zu Kopf gestiegen. Ich war froh, ein gutes, großes Bier für einen halbwegs vernünftigen Preis zu bekommen. Und weil ich etwas nüchterner als die anderen war, schaute ich dem lustigen Spiel der wankenden Oberkörper auf dem Parket belustigend zu. Und ich sah auch das schwarzhaarige Mädchen, welches nur auf den Boden starrte. Ich glaube, das es war die Dame aus meinem Filmforum-wunsch-leben. Mit ihr waren zwei andere Damen dabei. Sie saßen zu dritt an der Wandbar, an der Herr M. und ich gestern saßen. Sie mussten wohl um die zwanzig gewesen sein, die zwei Begleiterinnen waren etwas korpulenter und hatten ein grauenhaftes Gegacker. Ein Studentenkollege wollte sich auch gleich in seinem ich-bin-bereit-Baby-wahn, der kleinen, schwarzhaarigen nähern, doch die schaute nicht einmal hoch. Dafür waren die anderen zwei um so erfreuter. Sie gackerten noch lauter und rutschten auf ihren Stühlen wie zwei wissende Schulkinder hinter ihrer Schulbank. Doch weil die kleine eben ein wissendes und intelligentes Mädchen war, packte sie ihre Sachen und ging. Recht hatte sie. Wenn ich sie nicht bekomme, erst recht nicht er, dachte ich feindselig.

Eine halbe Stunde später stand ich dann wieder im Einklang. Wo auch sonst um diese Zeit. Und ich musste dann mit ansehen, wie ein Student seine Exfreundin angräbt, ein anderer meine alte Kollegin aus dem damaligen Keyboardunterricht vollsabberte, ein weiterer mit vorgebeugtem Orberkörper zu tanzen versuchte und dabei die umstehenden Gäste vergraulte und zum Schluß sah ich das Haselnussgesicht, welches mit einem Krähengesicht schlängelte. Und ich merkte, dass ich hinterher hinke. Entweder geh ich jetzt zur Bar und besorg mir eine Flasche Schnaps und eine Nadel um das traurige Schauspiel hier zu ertragen oder ich verschwinde. Verschwinden ist mein Lieblings-Tun die letzten Tage. Und weil ich diese junge und neue Tradition nicht gleich wieder brechen wollte, verschwand ich ordnungsgemäß.


Solverat | 30. December 2006 | - Kategorie: History | Tags:, ,



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